Full text : Einführung in die Volkswirtschaftslehre

\6  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
merklich  gleichsetzte.  Wir  müssen  aber  streng  daran  festhalten,
Laß  die  Statistik,  welcher  Namen  jetzt  dieser  Ermattlungsweiss
anhängt,  eben  nur  eine  Methode  ist,  die  ebensowohl  auf  die  Ermittlung ­
  der  Ausbreitung  von  Haarkrankheiten  oder  der  Durchschnittshäufigkeit ­
  von  Gewittern  angewendet  werden,  kann  wie
auf  die  Feststellung  der  Ein-  und  Auswanderung  oder  der  Arbeiterlöhne; ­
  gerade  so  wie  die  Geschichte  als  Dlethode  für  die  Erforschung ­
  aller  Geschehnisse  in  der  Zeit  anwendbar  ist.
Man  hat  der  Statistik  viel  Übles -nachgesagt;  man  hat  sie  der
Lüge  wie  der  Langweiligkeit  beschuldigt.  Beide  Anschuldigungen
sind  durchaus  falsch.  Die  Statistik  lügt  nie;  sie  ist  nur  ein  ungemein
seines  und  empfindliches  Werkzeug,  das  in  der  Hand  Ungeschickter
und  Böswilliger  versagt,  wie  es  dis  Rräfte  des  Kundigen  erhöht.
Und  sie  ist  erst  recht  nicht  langweilig.  Man  muß  nur  zu  lesen
verstehen;  dann  beleben  sich  die  Zahlenseiten  der  statistischen
Jahrbücher,  und  die  Schicksale  der  Völker  steigen  vor  uns  auf.
Welch  eindrückliches  Zeugnis  von  der  großen  Unruhe  unserer
Zeit  legen  die  Zahlen  der  Ein-  und  Auswanderungen  ab;  welche
Sprache  von  Kampf,  Not,  Sieg  und  Niederlage  sprechen  die  Zahlen
der  Streikstatistik.
Line  andere  Form  der  Massenbeobachtung,  die  jetzt  rechter  Beliebtheit ­
  sich  erfreut,  ist  die  L  n  q  u  e  t  e.  Bei  ihr  handelt  es  sich
um  Tatsachen,  die  nicht  mittels  Zahlen  allein  zu  fasten  sind,  sondern ­
  ergänzender  Beobachtungen  und  Untersuchungen  bedürfen.
Solche  Enqueten  hat  z.  B.  der  Verein  für  Sozialpolitik  in  den
letzten  Jahrzehnten  wiederholt  veranstaltet  und  damit  ein  äußerst
wertvolles  Tatsachenmaterial  beschafft;  die  Lage  der  Handwerker,
das  landwirtschaftliche  Kreditwesen,  die  Wirtschaftsbetriebe  der
Städte,  Auslese  und  Anpassung  der  Arbeiter  in  der  Großindustrie
waren  einige  der  von  ihm  behandelten  Gegenstände.  Ls  wird  dabei ­
  ein  Fragebögenschema  ausgearbeitet,  auf  Grund  dessen  möglichst ­
  viele  Linzelbeobachter  Untersuchungen,  vornehmen.  Die
Fehlerquelle  liegt,  abgesehen  von  der  jeweiligen  Zugänglichkeit
des  Untersuchungsstöffs,  in-der  verschiedcnartigkeit  der'Beobachter ­
  nach  Vorbildung,  Sachkenntnis,  Vertiefung  und  Fähigkeit:
die  Ergebnisse  bedürfen  also  einer  ebenso  sachkundig  kritischen
Würdigung  wie  die  an  und  für  sich  zuverlässigeren  aber  spröderen
der  Statistik.
Die  Gesamtergebnisse  der  „historischen  Methode"  bilden  eine
außerordentlich  wertvolle  Bereicherung  unserer  Wissenschaft,  viel-
            
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