Full text : Einführung in die Volkswirtschaftslehre

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Das  Kapital

sie  auch  gelegentlich  vorkommt;  die  gewerbliche  Produktion  ist
zu  stark  individualisiert  und  spezialisiert,  als  daß  man  es  wagen
dürfte,  den  kostspieligen  Apparat  einer  Fabrik  auf  gut  Glück  und
in  der  Hoffnung,  einen  Pächter  zu  finden,  herzustellen.
Der  Industrielle  wird  sich  also  nicht  eine  Fabrik  leihen,  sondern ­
  Kapital,  mit  dem  er  sich  dieses  und  andere  Produktionsmittel ­
  (Rohstoffe,  Arbeit)  verschaffen  kann;  bas  gleiche  gilt  vom
Handwerker,  vom  Landwirt  zum  Zwecke  des  Gutskaufes  oder  der
Beschaffung  von  Betriebsmitteln,  vom  Kaufmann.  Die  Übertragung ­
  der  Verfügungsgewalt  über  das  Kapital  erfolgt  unter
der  Bedingung  eines  Entgelts  für  die  vorübergehende  Verzichtleistung ­
  und  der  weiteren  Bedingung  späterer  Rllckübertragung.
wir  sprechen  dann  von  Kredit.
Der  Kredit  ist  ein  Mittel,  Kapital  aus  den  Bänden  derer,  die
es  ungenutzt  liegen  lassen,  in  die  Bände  solcher  zu  führen,  die
gewillt  und  geeignet  sind,  es  als  Unternehmer  auszunutzen,  damit ­
  Fabriken  zu  bauen,  Eisen  zu  schmelzen  und  Baumwolle  zu
weben.  Die  Gründe,  warum  der  Eigentümer  das  Kapital  nicht
selbst  produktiv  verwertet,  können  ganz  verschiedene  sein.  Ls  ist
möglich,  daß  die  Kapitalsumme,  die  dem  einzelnen  zur  Verfügung
steht,  zu  klein  ist,  um  produktiv  verwendet  zu  werden,  und  erst
mit  anderen  ähnlich  kleinen  Summen  zusammen  zu  einem  wirtschaftlich ­
  brauchbaren  Umfang  anwächst.  Oder  umgekehrt,  es
besitzt  jemand  so  viel  Kapital,  daß  er  es  in  seinem  eigenen  Betrieb ­
  nicht.mehr  nutzbar  verwenden  kann,  und  es  deshalb  an
andere  ausleiht;  oder  endlich  der  Besitzer  des  Kapitals  mag  einfach ­
  nicht  produzieren,  will  als  Rentner  leben.  Es  kommt  auch  vor,
baß  er  es  aus  bloßem  Mißtrauen  gar  nicht  aus  der  ffand  geben
und  in  Unternehmungen  stecken  will,  die  er  nicht  kennt.  Er  hebt
es  dann  in  dem  Schrank,  gar  wohl  im  Strumpf  auf  und  freut  sich
nur,  wenn  Taler  sich  an  Taler  reiht.  Dieses  tote  Kapital  —  tot,
weil  es  nicht  arbeitet  —  kann  ganz  außerordentlich  groß  werden.
Nach  einer  Schätzung,  die  vor  einigen  Jahren  veröffentlicht
wurde,  steckten  in  dem  armen  Indien  etwa  noch  6  Milliarden
Mark  in  solchen  unzugänglichen  verstecken,  während  es  für  alle
großen  Unternehmungen  in  Indien,  namentlich  für  Eisenbahnen,
an  Kapital  fehlte.  Das  Kapital  ist  also  da,  es  muß  nur  aus
seinem  Schlupfwinkel  hervorgeholt  werden.  Die  Kreditwirtschaft
unserer  Tage  war  nun  —  und  zwar  innerhalb  eines  halben  Jahrhunderts ­
  —  so  ausgebildet  worden,  daß  wir  wohl  sagen  konnten,
            
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