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Zweites Bach. Die Gegner.
Menschen, wie jede andere Ware, nach den Bedürfnissen der Produk
tion sich vermehren oder sich vermindern. Weit davon entfernt,
hierin einen Beweis der harmonischen Anpassung zwischen Angebot
und Nachfrage zu sehen, erblickt Sismondi hierin vielmehr die trau
rigen Folgen der Trennung zwischen dem Vermögen und der Arbeit 1 ).
Sismondi und Smith verfallen übrigens in den gleichen Fehler, den
Malthos und Ricardo begangen haben: sie bilden sich ein, daß die
hohen Löhne notwendigerweise zu einer Vermehrung der Bevölke
rung führen, — während die Tatsachen heute zu zeigen scheinen,
daß die Gewohnheiten eines größeren Wohlstandes im Gegenteil unter
gewissen Bedingungen darauf hinzielen, sie zu beschränken. Was
auch immer daran sei, die nicht besitzende Klasse, d. h. die Mehr
heit des Volkes, wird als ein einfaches Instrument in der Hand der
Besitzenden angesehen. Wie cs ihrer Laune oder ihrem Interesse
paßt, nehmen sie es auf oder werfen es weg.
Was im Hinblick auf die Industriearbeiter wahr ist, ist nicht
weniger wahr im Hinblick auf die Landarbeiter, und Sismondi führt hier
die berühmte Unterscheidung zwischen Nettoertrag und Brutto
ertrag ein, die seit ihm so viele Nationalökonomen beschäftigt hat.
Wenn alle Landleute Besitzer ihres Bodens wären, würden sie sicher
sein, auf ihren Feldern wenigstens ihren Unterhalt und Sicherheit des
Lebens finden zu können. Sie würden niemals den Bruttoertrag
unter die Grenze sinken lassen, die genügend ist, ihren Lebens
unterhalt zu sichern 2 ). Aber mit dem großen Grundbesitz, mit der
Umwandlung des Bauern zum einfachen Landarbeiter verändern
sich die Dinge. Der Großgrundbesitzer hat nur den Nettoertrag im
Auge, den Unterschied zwischen den Kosten der Produktion und dem
*) Sismondi glaubt nicht, worauf wir hinweisen wollen, an die Richtigkeit der
Bevölkerungstheorie von Malthus. Er gibt nicht zu, daß die Bevölkerung von der
Menge der Lebensmittel abhänge, sondern sie unterliegt dem Willen der Grundbesitzer,
die sie durch ihre Nachfrage anspornen oder zügeln, und die ein Interesse an ihrer
Begrenzung haben, um den höchsten Reinertrag zu erzielen. „Niemals hat die Be
völkerung die mögliche Grenze der Lebensmittel erreicht und aller Wahrscheinlich
keit nach wird sie es auch niemals tun. Alle die, die Lebensmittel brauchen, haben
weder die Mittel, noch das Recht, sie der Erde abzuverlangen; und die, die im
Gegenteil das gesetzliche Monopolrecht am Boden haben, haben kein Interesse daran,
ihm seinen Höehstertrag an Lebensmitteln abzufordern. In allen Ländern haben
sich die Eigentümer einem Bewirtschaftungssystem widersetzt, und haben sich ihm
widersetzen müssen, das nur auf eine Vermehrung der Lebensmittel und nicht auf
eine Vermehrung der Einkünfte abzielte. Lange bevor die Bevölkerung durch die
Unmöglichkeit, in der sieh ein Land befinden kann, mehr Lebensmittel hervor
zubringen, eingeschränkt wird, wird ihr durch die Unmöglichkeit Einhalt geboten,
in der sich diese Bevölkerung befindet, Lebensmittel zu kaufen oder an ihrer Er
zeugung zu arbeiten“ (N. P., II, S. 269—270).
2 ) N. P., I, S. 263-264.