Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

216

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Dieser  gleiche  Gegensatz  zwischen  Eigentum  und  Arbeit  dient
auch  zur  Erklärung  der  wirtschaftlichen  Krisen.
Nach  Sismondi  beruhen  sie  zu  einem  Teil  auf  der  Schwierigkeit,
den  zu  groß  gewordenen  Markt  genau  zu  kennen,  sowie  auf  der  Tatsache, ­
  daß  die  Produzenten  sich  mehr  yon  der  Größe  ihrer  Kapitalien,
als  von  den  Bedürfnissen  des  Marktes  leiten  lassen 1 ).  Vor  allem
aber  sind  sie  in  der  schlechten  Verteilung  der  Einkommen  begründet.
Die  Trennung  von  Eigentum  und  Arbeit  hat  zur  Folge,  daß  nur  die
Einkünfte  der  Besitzenden  steigen  können;  die  der  Arbeiter  bleiben
stets  auf  das  Existenzminimum  beschränkt.  Infolgedessen  ergibt  sich
daraus  ein  Mangel  an  Harmonie  in  der  Nachfrage  nach  den  Erzeugnissen. ­
  Mit  einem  gleichmäßig  verteilten  Besitzstände  und  einem
ungefähr  gleichmäßigen  Steigen  der  Einkommen  würde  auch  eine
gewisse  Gleichmäßigkeit  in  der  Vermehrung  der  Nachfrage  Hand  in
Hand  gehen.  Die  gewöhnlichen  Industriezweige,  die  die  wesentlichen
und  allgemeinsten  Bedürfnisse  befriedigen,  würden  ihre  Produktion
regelmäßig  und  ohne  Sprünge  steigen  sehen.  Aber  tatsächlich  wachsen
nur  die  Einkünfte  der  Eeichen.  An  Stelle  der  Nachfrage  nach  den
gewöhnlichen  Gegenständen  wird  daher  eine  wachsende  Nachfrage
nach  verfeinerten  Gegenständen  treten,  wodurch  die  Grundindustrien
vernachlässigt  und  Industrien  des  Luxus  geschaffen  werden;  wenn
diese  letzteren  sich  nicht  schnell  genug  vermehren,  so  wird  die  Nachfrage ­
  nach  Gegenständen  zur  Befriedigung  des  höheren  Geschmackes
sich  an  das  Ausland  wenden.  Was  ergibt  sich  nun  aus  diesem  beständigen ­
  Wechsel?  Die  verlassenen  alten  Industrien  sind  gezwungen,
ihre  Arbeiter  zu  entlassen;  andererseits  können  sich  die  neuen  Industrien ­
  nur  langsam  entwickeln;  in  der  Zwischenzeit  sind  die  entlassenen ­
  und  arbeitslosen  Arbeiter  darauf  angewiesen,  ebenfalls  ihren
Verbrauch  an  gewöhnlichen  Lebensmitteln  einzuschränken;  hieraus
ergibt  sich  ein  beständiger  Unterkonsum,  der  notwendigerweise  die
entsprechenden  Krisen  herbeiführt.  „Durch  die  Konzentration  der
Vermögen  in  der  Hand  einer  geringen  Anzahl  von  Eigentümern  verengert ­
  sich  der  Inlandsmarkt  immer  mehr;  die  Industrie  wird  ständig
stärker  darauf  hingedrängt,  ihre  Absatzgebiete  auf  ausländischen
Märkten  zu  suchen,  wo  noch  größere  Umwälzungen  sie  bedrohen  2 ).“
Daher  ist  „der  Verbrauch  eines  millionenreichen  Fabrikherrn,  unter

Schwankungen  des  Marktes  auszusetzen  (N.  P.,  I,  S.  263—264).  Er  stellt  auch  den
Bruttoertrag  nicht  als  absolutes  Ziel  hin,  sondern  erkennt  an,  daß  „das  allmähliche
Steigen  des  Bruttoertrages  seinerseits  von  einem  krankhaften  Zustand  bedingt  sein
kann“,  wenn  die  Bevölkerung  zu  schnell  wächst  (ebenda,  I,  8.  153).  Wir  sehen
hieraus,  ein  wie  schwankender  Charakter  er  war.
*)  N.  P.,  I,  S.  368.
2 )  N.  P.,  I,  S.  361.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.