Full text : Die Geldvermehrung im Weltkriege und die Beseitigung ihrer Folgen

die  Kriegsgewinnsteuer  ist  deshalb  bei  uns  zu  spät  und  nicht  energisch
und  umfassend  genug  in  Anwendung  gebracht  worden.  England
ist  in  dieser  Linsicht  energischer  vorgegangen.  Es  ist  ja  gewiß
richtig,  daß  zu  Beginn  des  Krieges  die  Aussicht  auf  hohe  Gewinne
den  Anreiz  bieten  mußte,  die  Amgestaltung  der  Industrie  auf  den
Kriegsbedarf  vorzunehmen,  über  dessen  Amfang  die  leitenden
Persönlichkeiten  so  gar  keine  Vorstellung  gehabt  haben.  Latten
sie  diese  Bedürfnisse  nur  einigermaßen  vorausgesehen,  so  hätte
man  natürlich  schon  im  Frieden  in  viel  größerem  Amfange  Lieferungsverträge ­
  für  alle  möglichen  Gegenstände  abgeschlossen.  In
Zukunft  müßte  der  Gedanke  allgemein  verbreitet  werden,  daß  auch
die  Lieferung  von  Kriegsmaterial  zu  normalen  Preisen  „Lilfsdienst"
  ist,  d.  h.  es  müßte  eben  die  Dienstpflicht  so  allgemein  ausgedehnt ­
  werden,  daß  jeder  im  Falle  eines  Krieges  im  Rahmen
seiner  Berufs-  oder  Erwerbstätigkeit  zu  Leistungen  oder  Lieferungen ­
  von  Produkten  verpflichtet  ist  zu  normalen  Preisen,  die
vorher  festzusetzen  sind,  aber  natürlich  unter  Amständen  erhöht
werden  können.  Es  müßte  dann  eine  Selbstverständlichkeit  werden,
daß  keiner  im  Kriege  Anspruch  hat,  besonders  entlohnt  51t  werde»
und  höhere  Einkommen  als  bisher  zu  erzielen,  daß  vielmehr  alle
Einkommen-  oder  Vermögenssteigerungen  dem  Staate  gehören.
Nur  damit  würde  es  möglich  sein,  das  bisherige  Preis-  und  Einkommensystem ­
  auch  im  Kriegs  einigermaßen  aufrechtzuerhalten,
was,  wie  wir  gesehen  haben,  aus  wirtschaftlichen  und  sozialen
Gründen  von  der  allergrößten  Bedeutung  ist.
Da  es  aber  im  gegenwärtigen  Kriege  an  dieser  Erkenntnis
noch  fehlte,  so  war  es  klar,  daß  die  Regierung  in  Deutschland  unter
den  besonderen  Verhältnissen,  unter  denen  wir  in  diesem  Kriege
standen  und  die  niemand  vorausgesehen  batte,  zunächst  noch  hohe
Gewinne  bewilligen  mußte,  um  möglichst  schnell  in  den  Besitz  des
ungeheureir  erforderlichen  Kriegsmaterials  zu  gelangen.  Nachdem
aber  die  Kriegslieferungsindustrie  einigermaßen  organisiert  worden
war,  hätte  eine  hohe  Besteuerung  aller  im  Kriege  gesteigerten  Einkommen ­
  und  Vermögen  einsetzen  müssen  und  gleichzeitig  eine  hohe
indirekte  Besteuerung  allen  nicht  unbedingt  notwendigen  Konsums.
Gaß  die  Kriegsgewini'.besteuerung  längst  nicht  genügte,  zeigt  die
gewaltige  Ausdehnung  des  Luxuskonsums  und  die  starke  Entwicklung ­
  der  Spekulation.  Die  Einwände,  die  von  manchen,  so  von
Geheimrat  Strutz  u.  a.,  gegen  die  Kriegsgewinnbesteuerung  und
Mesmann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  10  145
            
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