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Und das war der zweite große Irrtum der Zeit in
bezug auf Überschätzung der Leistungsfähigkeit des
Vernunftapparats: Es gibt allgemein gütige Erkenntnisse
über das Phänomen der Sittlichkeit, es gibt aber
keine allgemein gütigen sittlichen Ideale 1 . Wie gesagt,
jene Zeit selbst schon hat diesen Irrtum überwunden
und Hume und Kant haben gezeigt, wie unvermeidlich
jenes Opfer ist. Doch in der Praxis wirkte
er fort. Weil sich nun auch die Folgezeit gerade für
dieses Sollen, diese praktischen Programme besonders
interessierte und den Rest — der den Kern enthielt —
einfach nicht sah, so verwickelte sich mit der Niederlage
dieses Teils des Schaffens jener Zeit eine Niederlage
des Ganzen. Wir aber müssen beides unterscheiden:
Die Theorie des Wesens, der Funktionen,
des Entstehens ethischen Urteilens und Verhaltens,
die die Basis unserer eigenen Arbeit auf diesem Gebiet
und die geschaffen zu haben unsterblicher Ruhm
ist — und die konkreten „Forderungen“, die wir zum
Material der Ideengeschichte legen müssen, wo schon
alle anderen Ethiken der Welt ihrer analytischen Erklärung
harren.
Von einem anderen Standpunkt könnte man die
geistige Heldentat, die in der Eroberung des Feldes
der ethischen Tatsachen lag, auch so ausdrücken:
Die Sittlichkeit ist ein soziales Phänomen, das nicht
erst von einem konkreten Sittenkodex geschaffen
wird, sondern aus den Notwendigkeiten sozialer
Existenz selbst herauswächst und aus ihnen zu ver-1
Vom Standpunkt der Wissenschaft und dann, wenn man das
Wort „allgemein gütig“ in beiden Fällen in gleichem Sinn verwendet.