Full text : Fortschritt und Armut

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Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Fortschritt  geeignet  mache,  sind  alle  Zivilisationen,  die  zu  ihrer  Zeit
ebenso  kräftig  und  vorschreitend  waren,  wie  die  unsere  jetzt,  von  selbst
zum  Stillstände  gekommen.
Immer  und  immer  wieder  ist  die  Kunst  zurückgegangen,  die  Gelehrsamkeit ­
  gesunken,  die  Macht  verfallen,  die  Bevölkerung  zerstreut  worden,
bis  von  dem  Volke,  das  große  Tempel  und  mächtige  Städte  erbaut,
Flüsse  abgeleitet  und  Gebirge  durchbrochen,  die  Erde  gleich  einem
Garten  angebaut  und  die  äußerste  Verfeinerung  in  die  untergeordnetsten
Dinge  des  Lebens  eingeführt  hatte,  nur  ein  Rest  schmutziger  Barbaren
übrig  blieb,  die  selbst  die  Erinnerung  von  den  Taten  ihrer  Ahnen  verloren
hatten  und  die  übrig  gebliebenen  Spuren  ihrer  einstigen  Größe  als  das
Werk  von  Geistern  oder  des  mächtigen  Geschlechts  vor  der  großen  Flut
ansahen  Dies  ist  so  wahr,  daß  es,  wenn  wir  der  Vergangenheit  gedenken,
als  das  unerbittliche  Gesetz  erscheint,  dem  zu  entgehen  wir  ebensowenig
Hoffnung  haben,  als  der  junge  Mann  mit  pulsierendem  Leben  hoffen
kann,  der  Auflösung  zu  entgehen,  die  das  gemeinsame  Schicksal  aller  ist.
„G  Rom,  dies  wird  eines  Tages  auch  dein  Schicksal  sein",  weinte  Scipio
über  den  Ruinen  Karthagos,  und  Macaulays  Bild  des  Neuseeländers,
der  auf  dem  verfallenen  Pfeiler  von  Londonbridge  sinnt,  wendet  sich
an  die  Einbildungskraft  selbst  derjenigen,  die  Städte  in  der  Wildnis
emporwachsen  sahen  und  die  Grundlagen  eines  neuen  Weltreiches  legen
halfen.  Und  so  machen  wir,  wenn  wir  ein  öffentliches  Bauwerk  errichten,
eine  Höhlung  in  den  Grundstein  und  verschließen  darin  sorglich  einige
Erinnerungen  an  unsere  Tage,  da  wir  die  Zeit  voraussehen,  wo  unsere
Werke  Ruinen  und  wir  selber  vergessen  sein  werden.
Gb  dieses  abwechselnde  Steigen  und  Fallen  der  Zivilisation,  dieser
Rückgang,  der  stets  auf  den  Fortschritt  folgt,  die  rhythmische  Bewegung
einer  aufsteigenden  Linie  sei  oder  nicht  (und  ich  glaube,  obwohl  ich  die
Frage  nicht  weiter  erörtern  will,  genügende  Beweise  für  die  Bejahung
beizubringen,  würde  schwerer  sein  als  man  gewöhnlich  annimmt),
macht  keinen  Unterschied,  denn  die  herrschende  Theorie  ist  in  beiden
Fällen  widerlegt.  Zivilisationen  haben  geendet  und  kein  Merkmal
hinterlassen,  und  schwer  gewonnene  Fortschritte  sind  dem  Menschengeschlecht ­
  für  immer  verloren  gegangen;  aber  selbst  wenn  man  zugibt,
daß  jede  woge  des  Fortschrittes  eine  höhere  woge  möglich  gemacht
und  jede  Zivilisation  die  Fackel  an  eine  höhere  Zivilisation  übergeben
habe,  so  erklärt  doch  die  Theorie,  daß  die  Zivilisation  durch  Veränderungen,
die  in  der  Natur  des  Menschen  zuwege  gebracht  wurden,  vorschreite,
die  Tatsachen  nicht;  denn  jedenfalls  ist  es  nicht  die  Rasse,  die  durch  die
frühere  Zivilisation  erzogen  und  erblich  verändert  wurde,  welche  die
neue  Zivilisation  beginnt,  sondern  eine  frische,  tiefer  stehende  Rasse.
Es  sind  die  Barbaren  des  einen  Zeitalters,  welche  die  zivilisierten  Menscheu
des  nächsten  waren,  um  ihrerseits  wieder  von  frischen  Barbaren  abgelöst
zu  werden.  Denn  bisher  ist  stets  der  Fall  eingetreten,  daß  die  Menschen
unter  dem  Einflüsse  der  Zivilisation  erst  fortgeschritten  und  dann  ent ­
            
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