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Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
Buch X.
die es verstehen, Verzögerungen herbeizuführen, Zeugen zu finden
und Geschworene uneinig zu machen.
Und so kann auch jemand, der genug stiehlt, sicher sein, daß feine
Strafe faktisch nur auf den Verlust eines Teils seines Diebstahls hinaus
laufen wird; und stiehlt er genug, um mit einem vermögen davon
zukommen, so wird er von seinen Bekannten begrüßt werden, wie vor
alters ein Wiking nach einem glücklichen Raubzuge begrüßt worden
sein dürfte. Selbst wenn er diejenigen beraubt hätte, die ihm ver
trauen schenkten; wenn er Witwen und Waisen um ihr Letztes gebracht
hätte; hat er nur genug, so mag er ruhig vor aller Augen einherstolzieren.
Die Tendenz in dieser Richtung nimmt immer mehr zu. In größter
Kraft erscheint sie, wo die Ungleichheiten in der Reichtumsverteilung
am größten sind, und ihre Zunahme geht mit der Zunahme der Un
gleichheiten kfand in Hand. wenn dies nicht eine Rückkehr zur Barbarei
ist, was ist es denn? Die Mängel der Rechtspflege, auf die ich hingedeutet
habe, sind nur Beweise der zunehmenden Hinfälligkeit unserer gesetzlicher!
Einrichtungen auf allen Gebieten. Oft hört man Leute sagen, es würde
besser sein, zu den ersten Anfängen der Staatsbildung zurückzukehren
und das Gesetz abzuschaffen, denn dann würde das Volk zu feiner Selbst
verteidigung Sicherheitsausschüsse bilden und die Gerechtigkeit selbst in
die Hand nehmen. Deutet dies auf einen Fortschritt oder Rückgang?
Alles dies kann man täglich beobachten. Obgleich wir es nicht
offen aussprechen, ist das allgemeine Vertrauen in die republikanischen
Institutionen da, wo dieselben ihre vollste Entwicklung erreicht haben,
entschieden in der Abnahme begriffen. Der vertrauensvolle Glaube
an die republikanische Verfassung als Ouelle der Nationalwohlfahrt,
wie er früher bestand, ist nicht mehr vorhanden.. Denkende Männer
fangen an, ihre Gefahren einzusehen, ohne zu wissen, wie man sie ver
meiden könnte; sie fangen an, die Ansicht Macaula^s zu teilen und der
Ieffersons zu mißtrauen*). Und das Volk überhaupt gewöhnt sich immer
mehr an die wachsende Korruption. Das ominöseste politische Zeichen
in^den heutigen Vereinigten Staaten ist das Entstehen einer Gesinnung,
die es entweder bezweifelt, daß es ehrliche Männer in den öffentlichen
Ämtern gibt, oder diejenigen für Narren hält, die ihre Gelegenheit
nicht ergreifen. Das heißt, das Volk selbst wird korrumpiert. So verfolgt
die republikanische Regierungsform in den vereinigten Staaten heute
den weg, den sie unter Bedingungen, welche die ungleiche Verteilung
des Reichtums verursachen, unvermeidlich einschlagen muß.
wohin jener weg führt, ist jedem klar, der nur denken will. Sobald
die Korruption chronisch wird, der öffentliche Geist verloren geht, die
Traditionen von Ehre, Tugend und Vaterlandsliebe geschwächt, die
Gesetze der Mißachtung preisgegeben werden und Reformen als hoff
nungslos erscheinen, werden in der eiternden Masse vulkanische Kräfte
*) irtan sehe Itlacaulays Brief an Randall, den Biographen Ieffersons.