Full text : Fortschritt und Armut

Aap.  IV.  Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

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erzeugt,  die  alles  zerreißen  und  zerschmettern,  sobald  ein  anscheinender
Zufall  ihnen  Luft  macht.  Starke,  vor  nichts  zurückschreckende  Männer,
die  sich  erheben,  sobald  die  Gelegenheit  da  ist,  werden  die  ausführenden
Organe  blinder  Triebe  des  Volkes  oder  seiner  wilden  Leidenschaften
werden  und  formen  beiseite  schleudern,  die  ihre  Lebenskraft  verloren
haben.  Das  Schwert  wird  wieder  mächtiger  als  die  Feder  fein,  und  im
Rarnevalstaumel  der  Zerstörung  werden  rohe  Gewalt  und  wilder  Wahnsinn ­
  mit  der  Lethargie  einer  untergehenden  Zivilisation  abwechseln.
woher  sollen  aber  die  neuen  Barbaren  kommen?  Man  gehe  nur
durch  die  schmutzigen  Viertel  großer  Städte  und  man  wird,  selbst  jetzt
schon,  ihre  sich  sammelnden  ksorden  sehen!  wie  soll  aber  das  wissen
untergehen?  Die  Menschen  werden  aufhören  zu  lesen,  und  die  Bücher
werden  Brände  anzünden  und  in  Patronen  verwandelt  werden.
Ls  ist  schrecklich  daran  zu  denken,  wie  schwache  Spuren  von  unserer
Zivilisation  übrig  bleiben  würden,  wenn  sie  den  Todeskampf  durchmachen
müßte,  der  den  Untergang  jeder  früheren  Zivilisation  begleitet  hat.
Papier  dauert  nicht  wie  Pergament,  und  unsere  massivsten  Gebäude
und  Monumente  sind  an  Festigkeit  mit  den  aus  Felsen  gehauenen
Tempeln  und  titanischen  Bauwerken  der  alten  Zivilisation  nicht  zu
vergleichen*).  Und  der  Lrfindungsgeist  hat  uns  nicht  nur  die  Dampfmaschine ­
  und  die  Druckerpresse,  sondern  auch  Petroleum,  Nitro-Gl'fzerin
und  Dynamit  gegeben.
Allein  heutzutage  anzudeuten,  daß  unsere  Zivilisation  möglicherweise ­
  sinken  könne,  scheint  ein  ausschweifender  Pessimismus  zu  sein.
Die  besonderen  von  mir  hervorgehobenen  Tendenzen  leuchten  Denkenden ­
  ein,  aber  bei  der  Mehrheit  der  Denkenden  sowohl  als  auch  bei  der
großen  Masse  ist  der  Glaube  an  den  Fortschritt  noch  stark  und  tief  —
ein  fundamentaler  Glaube,  der  nicht  den  Schatten  eines  Zweifels
zuläßt.
Aber  jeder,  der  sich  in  die  Sache  hineindenkt,  wird  einsehen,  daß
dies  überall  notwendig  der  Fall  sein  muß,  wo  der  Fortschritt  allmählich
in  Rückgang  übergeht.  Denn  in  der  sozialen  Entwicklung  wie  in  allem
übrigen,  strebt  die  Bewegung  in  geraden  Linien  zu  verharren,  und  es
ist  daher,  wo  vorher  Fortschritt  stattgefunden  hat,  überaus  schwer,
einen  Rückgang  zu  erkennen,  selbst  wenn  derselbe  tatsächlich  schon  begonnen ­
  hat;  es  besteht  eine  fast  unwiderstehliche  Neigung,  zu  glauben,
daß  die  Vorwärtsbewegung,  die  Fortschritt  war  und  noch  anhält,  immer
noch  Fortschritt  sei.  Das  Gewebe  von  Glauben,  Gebräuchen,  Gesetzen,
Einrichtungen  und  Denkgewohnheiten,  welches  jedes  Gemeinwesen
fortwährend  spinnt,  und  welches  in  dem  von  ihm  umgebenen  Individuum
*)  Ls  ist,  wie  mir  scheint,  auch  lehrreich,  zu  beobachten,  wie  unzulänglich  und  überaus
irreführend  die  Vorstellung  von  unserer  Zivilisation  sein  würde,  die  man  aus  den  Airchen
und  Denkmälern  unserer  Zeit  gewinnen  könnte,  und  doch  sind  Gebäude  dieser  Art  die
einzige  Quelle,  aus  der  wir  unsere  Kenntnis  der  versunkenen  Zivilisationen  schöpfen
können.
            
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