Full text : Fortschritt und Armut

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Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  E

Diese  Inkonsequenz  ist  zwar  nicht  von  den  von  rnir  erwähnten
Schriftstellern,  wohl  aber  von  einem  andern,  und  zwar  einem  der  am
schärfsten  denkenden  Anhänger  der  herrschenden  Nationalökonomie  bemerkt ­
  worden.  Professor  Lairnes*)  bemüht  sich  in  sehr  scharfsinniger
weise,  die  Tatsache  mit  der  Theorie  zu  vereinbaren,  indem  er  annimmt, ­
  daß  in  neuen  Ländern,  wo  die  Erwerbstätigkeit  gewöhnlich
aus  die  Erzeugung  von  Lebensmitteln  und  Rohmaterialien  gerichtet
sei,  ein  viel  größerer  Teil  des  zur  Produktion  benutzten  Kapitals  für
die  Lohnzahlung  verwandt  werde  als  in  älteren  Ländern,  wo  ein
größerer  Teil  für  Maschinen  und  Materialien  verausgabt  werden  müsse;
und  daher  sei,  obgleich  das  Kapital  in  neuen  Ländern  seltener  (und
der  Zinsfuß  höher),  der  zur  Lohnzahlung  bestimmte  Betrag  doch  faktisch
größer  und  der  Arbeitslohn  darum  höher.  Von  HOO  ooo  Dollar  beispielshalber, ­
  die  in  einem  alten  Lande  für  industrielle  Gewerbe  bestimmt ­
  sind,  würden  etwa  80  ooo  Doll,  für  Gebäude,  Maschinen  und
den  Ankauf  von  Rohstoffen  nötig  sein,  so  daß  nur  20  000  Doll,  für
Löhne  übrig  blieben,  während  in  einem  neuen  Lande  von  SO  ooo  Doll.,
die  dem  Ackerbau  gewidmet  sind,  nicht  mehr  als  5000  für  Werkzeuge  usw.
erforderlich  seien,  und  25  000  für  die  Bestreitung  von  Löhnen  übrig
bleiben  würden.  Auf  diese  weise  wird  es  erklärt,  daß  der  Lohnfonds
verhältnismäßig  groß  fein  könne,  wo  das  Kapital  verhältnismäßig
gering  fei,  und  daß  hohe  Löhne  mit  hohen  Zinfen  bfand  in  Hand  gehen.
Ich  glaube  im  nachfolgenden  beweisen  zu  können,  daß  diese  Erklärung ­
  auf  einer  vollständigen  Verkennung  der  Beziehungen  zwischen
Arbeit  und  Kapital  beruht  und  sich  bezüglich  des  Fonds,  aus  dem  die
Löhne  entnommen  werden,  in  fundamentalem  Irrtum  befindet.  Für
jetzt  jedoch  ist  es  nur  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  der  Zusammenhang
zwischen  dem  Schwanken  des  Lohns  und  der  Zinsen  in  denselben  Ländern
und  denselben  Industriezweigen  nicht  fo  zu  erklären  ist.  In  der  Abwechselung ­
  der  sogenannten  „guten  Zeiten"  mit  „schweren  Zeiten"  ist
eine  lebhafte  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  bei  guten  Löhnen  stets
auch  von  einer  lebhaften  Nachfrage  nach  Kapital  bei  steifem  Zinsfüße
begleitet,  wenn  dagegen  die  Arbeiter  keine  Beschäftigung  finden  können
und  die  Löhne  fallen^  dann  ist  stets  Überfluß  an  Kapital  vorhanden,
das  zu  niedrigen  Zinsen  Anlage  sucht.**)  Der  gegenwärtige  Geschäftsdruck ­
  ist  an  allen  großen  Plätzen  nicht  weniger  durch  Mangel  an  Beschäftigung ­
  unter  den  Arbeiterklassen  als  durch  die  Anhäufung  müßigen
Kapitals  und  durch  niedrigen  Zinsfuß  für  unzweifelhafte  Sicherheiten
gekennzeichnet.  So  finden  wir  unter  Verhältnissen,  die  keine  mit  der
herrschenden  Theorie  vereinbarte  Erklärung  zulassen,  hohen  Zinsfuß
*)  3 n  seinem  Merke:  Some  Leading  Principles  of  Political  Economy  Newly  Expounded.
  Kap.  I.  Teil  2.
**)  Zeiten  kommerzieller  Krisen  sind  durch  hohe  Diskontsätze  gekennzeichnet,  aber
dies  ist  augenscheinlich  nicht  ein  hoher  Satz  der  eigentlichen  Zinsen,  sondern  eine  hohe
Versicherungsprämie  gegen  das  Risiko.
            
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