Full text : Fortschritt und Armut

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Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

bekannte  Rätsel  vorn  Lsasen  und  der  Schildkröte  hinanreicht,  in  weichern
der  bsase  die  Schildkröte  durch  alle  Ewigkeit  verfolgt,  ohne  sie  je  einzuholen. ­
  Denn  jene  Annahme  ist  für  die  Malthussche  Lehre  nicht  nötig,
oder  wird  wenigstens  ausdrücklich  von  manchen  verworfen,  welche  diese
Lehre  sonst  vollständig  gutheißen;  so  z.  B.  von  John  Stuart  will,  der
davon  spricht  als  von  einem  „unglücklichen  Versuch,  Dingen  eine  Präzision ­
  zu  geben,  deren  sie  nicht  fähig  sind  und  die,  wie  jeder  Vernünftige
einsehen  muß,  für  das  Argument  durchaus  überflüssig  ist"  *).  Der  Kern
der  kNalthusschen  Lehre  ist,  daß  die  Bevölkerung  schneller  wachse,  als
die  Fähigkeit,  Nahrungsmittel  hervorzubringen,  und  ob  nun  diese
Differenz  wie  bei  Malthus  als  ein  geometrisches  Verhältnis  für  die
Bevölkerung  und  als  ein  arithmetisches  für  die  Unterhaltsmittel  konstatiert ­
  wird,  oder  wie  bei  will  ein  konstantes  Verhältnis  sür  die  Bevölkerung ­
  und  ein  abnehmendes  für  die  Unterhaltsmittel,  ist  nur  eine
Sache  der  Schätzung.  Der  Kardinalpunkt,  in  welchem  beide  übereinstimmen, ­
  ist,  um  die  Worte  von  Malthus  zu  gebrauchen,  „daß  in  der
Bevölkerung  eine  natürliche  Tendenz  und  ein  beständiger  Drang  besteht,
sich  über  die  Unterhaltsmittel  hinaus  zu  vermehren".
Die  Malthussche  Lehre,  wie  sie  jetzt  aufgefaßt  wird,  läßt  sich  in
ihrer  strengsten  und  einwandfreisten  Form  folgendermaßen  ausdrücken:
„daß  die  Bevölkerung,  die  sich  beständig  zu  vermehren  strebt,  wenn  sie
uneingeschränkt  bleibt,  schließlich  gegen  die  allerdings  nicht  festen,  sondern
elastischen  Grenzen  der  Unterhaltsmittel  drängen  muß,  was  die  Beschaffung ­
  der  Unterhaltsmittel  progressiv  immer  schwieriger  macht".  Und
daher  muß  überall,  wo  die  Fortpflanzung  Zeit  gehabt  hat,  ihre  Kraft
zu  betätigen,  und  wo  sie  nicht  durch  die  Vorsicht  eingeschränkt  worden
ist,  jener  Grad  des  Ulangels  bestehen,  der  die  Bevölkerung  innerhalb
der  Grenzen  der  Unterhaltsmittel  hält.
Obgleich  diese  Theorie  dem  Glauben  an  eine  durch  die  Güte  und
Weisheit  des  Schöpfers  eingerichtete  harmonische  Weltordnung  tatsächlich ­
  nicht  mehr  widerstrebt,  als  die  bequeme  Nichttheorie,  welche  die
Verantwortlichkeit  für  die  Armut  und  deren  Gefolge  den  unerforschlichen
  Ratschlüssen  der  Vorsehung  aufbürdet,  ohne  auch  nur  den  Versuch ­
  zu  machen,  ihre  Spuren  zu  verfolgen,  so  kommt  sie  doch,  indem  sie
eingestandenermaßen  das  Laster  und  das  Elend  zu  notwendigen  Folgen
eines  mit  den  reinsten  und  süßesten  Gefühlen  verknüpften  natürlichen
Instinkts  macht,  in  arge  Kollision  mit  tief  gewurzelten  Anschauungen,
und  sie  wurde  daher,  von  ihrem  ersten  Auftreten  an,  mit  einer  Bitterkeit ­
  bekämpft,  in  der  der  Eifer  oft  mehr  zutage  trat  als  die  Logik.  Aber
sie  hat  die  Feuerprobe  siegreich  bestanden  und  trotz  der  Widerlegungen
*)  Principles  of  Political  Economy.  Buch  II,  Kap.  IX,  Abschn.  VI.  Trotz  dieser
Äußerung  Mills  ist  es  jedoch  klar,  daß  Malthus  selbst  großen  wert  auf  seine  geometrischen
und  arithmetischen  Verhältnisse  legte,  und  es  ist  auch  wahrscheinlich,  daß,  er  gerade  diesen
hauptsächlich  seine  Berühmtheit  verdankt,  da  sie  eine  jener  hochtönenden  Formeln,
abgaben,  die  bei  vielen  Leuten  mehr  Gewicht  haben  als  das  klarste  Raisonnement.
            
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