Full text : Wirtschaft als Leben

Anhang,  V.  3^9
klären,  warum  uns  im  gewöhnlichen  Verlaufe  der  Dinge  jede  Empfindung ­
  dafür  mangelt,  daß  hier  schon  im  Prinzipe  gefehlt  wird.
Es  fällt  in  dieser  Hinsicht  vor  allem  ins  Gewicht,  daß  die  Bindung
an  den  Menschen  zwar  nur  ein  Akzidens  des  historischen  Geschehens
ist,  eines  aber,  das  aller  Erfahrung  nach  nie  ausbleibt,  und  sich  außerdem ­
  wuchtig  zur  Geltung  bringt.  Mag  es  immerhin  für  das  historische
Geschehen,  als  solches,  etwas  Zufälliges  sein,  daß  die  unentbehrliche
Rolle  des  Vernunftwesens  gerade  von  dem  gespielt  wird,  was  sich
naturwissenschaftlich  als  die  Spezies  „Mensch“  erfassen  läßt:  damit
legen  sich  eben  doch  im  weitestgehenden  Maße  die  Bedingungen  fest,
unter  denen  sich  dieses  Geschehen  vollzieht.  Und  so  prägt  sich  dieser
rein  tatsächliche  Umstand  im  ganzen  Inhalt  und  im  ganzen  Hergang
der  Geschichte  aus;  wie  sie  uns  tatsächlich  vorliegt,  ist  die  Geschichte
durch  und  durch  „Menschengeschichte“.  Dazu  kommt  nun
überdies,  daß  wir  vom  erfahrungswissenschaftlichen  Standpunkt  aus
überhaupt  keine  andere  als  diese  „Menschengeschichte  kennen.  Kein
Wunder  also,  wenn  sich  mißverständliche  Anschauungen  einstellen.
Wie  nahe  liegt  es  dann,  die  Begriffe  „Geschichte  und  „Menschengeschichte“ ­
  schlankweg  zu  identifizieren.  Man  übersieht,  daß  diese
„Menschengeschichte“,  prinzipiell  genommen,  schon  eine  besondere ­
  Art  Geschichte  vorstellt;  wenn  es  auch  jene  ist,  die  uns
allein  vorliegt.  Denn  es  ist  die  Bindung  an  den  Menschen  zwar  das
in  aller  Erfahrung  Gegebene,  aber  nichts  Denknotwendiges,
nichts  von  dem  Begriffe  der  Geschichte  Unzertrennliches.  Ebenso
nahe  liegt  es  dann,  die  Grenzen  der  Geschichte  mit  den  Grenzen  der
„Menschengeschichte“  in  eins  fallen  zu  lassen.  In  Wahrheit  aber,  so
paradox  es  klingt,  müssen  wir  stets  mit  der  prinzipiellen  Möglichkeit
rechnen,  daß  ein  Wechsel  im  Träger  des  historischen  Geschehens
stattgefunden  hat  Freilich  darf  man  hier  das  prinzipiell  Denkbare
nicht  mit  dem  praktisch  Möglichen  oder  gar  mit  dem  Wahrscheinlichen
verwechseln.
Wenn  wir  selber  auch  nur  den  Menschen  als  jenen  Träger  kennen,
denkbar  ist  es  durchaus,  daß  es  nicht  immer  so  war;  einfach  deshalb,
w eil  es  unbestritten  gilt,  daß  das  historische  Geschehen  auch  über  einen
Wechsel  seines  Trägers  hinüber  seine  spezifische  Natur  behaupten  könnte.
Und  dies  allein  entscheidet.  Wenn  dieser  Gedanke  nur  in  sich  selber
möglich  ist,  kommt  er  in  jener  Hinsicht  voll  in  Anschlag.  Um  seinetwillen ­
  verbietet  es  sich,  die  Grenzen  der  Geschichte  mit  den  Grenzen
der  „Menschengeschichte“  zu  identifizieren,  und  wenn  für  diesen
Uedanken  erfahrungswissenschaftlich  auch  nicht  der  geringste  Anhalt
vorliegt.  Der  Erfahrungswissenschaft  steht  da  gewiß  nicht  a  priori  die
            
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