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Zweiter Teil. Kandel. IX. Märkte und Messen.
sind, Märkte in der Mitte des Sommers und Winters. Von den Jahrmärkten unter
scheiden sich die Messen — diese Blüte des ganzen mittelalterlichen Verkehres — nur
durch den zahlreicheren Besuch und den großartigeren Zuschnitt des Verkehres. Auch
ihre Bedeutung liegt für das Mittelalter wesentlich in der Handelsfreiheit, die sie
während ihrer Dauer den Kaufleuten gewährten. Sie dienten wohl dem internationalen
wie dem Binnenhandel und konnten dem Käufer einen Reichtum der Auswahl, dem
Verkäufer eine lebendige Kenntnis vom Bedarfs und Geschmacke des Publikums ver
schaffen, wie es im Mittelalter auf keine andere Weise möglich war. Zn Sibirien
gehen ohne Zwang noch jetzt Tücher, die zu Jekaterinburg verfertigt sind, nach Tobolsk
über die Messe von Nischnei-Nowgorod. And um 1790 hielten die Leipziger den
russischen Besuch ihrer Messen schon dadurch für gesichert, weil die meisten russischen
Kaufleute zur ordentlichen Korrespondenz, Buchführung rc. unfähig waren. Die
Staatsprivilegierung der Messen bestand gewöhnlich, außer gewissen Zollfreiheiten und
einer besonders fachmännischen und prompten Justiz, in einem Stapelrechte, sowie in
dem Versprechen, daß man die Meßgästc während der Messe keinem Personal- oder
Güterarreste wegen früherer Verbindlichkeiten unterwerfen wollte. Das meiste natürlich
mußte der Meßplah selber tun, um seinen Gästen das Gefühl der Sicherheit nnd des
kaufmännischen und persönlichen Behagens zu verschaffen. Zu den heilsamen Wirkungen
der Messen ist auf niederer Kulturstufe namentlich auch das kräftige Standesbewußtsein
und die gesteigerte soziale Bedeutung zu rechnen, welche der Kaufmannschaft eines
großen Gebietes durch solche periodische Zusammenkünfte zuwachsen mußte. Die
eigentümlich gute Organisation des deutschen Buchhandels steht in engster Verbindung
mit dem Meßleben Frankfurts und Leipzigs. Wo sich der Warengroßhandcl noch in
die Messen zusammendrängt, da pflegt auch der Kapitalverkehr, die Verzinsung, Rück
zahlung und Wiederanlegung der Leihkapitalien des ganzen Landes hiermit verbunden
zu sein: offenbar mit ebensoviel Geldersparnis wie Krediterleichterung. Die Messen
mußten aufhören, seit der Verkehr derartig stieg, daß er ausreichte, um gewissermaßen
das ganze Jahr hindurch einen großen ununterbrochenen Markt unterhalten zu können.
Mit der Entwickelung des modernen Transportwesens schrumpfen sie allmählich von
selbst ein und werden durch Musterlager, Kandelsmuseen und Spezialmärkte ersetzt,
indem man nicht mehr die besichtigte Ware kaust, sondern nach Mustern derselben handelt.
Die Notwendigkeit der Wochenmärkte hört auf, sobald ein täglicher Kauf
und Verkauf der betreffenden Waren möglich wird. Ebenso muß die Beschränkung
des Verkehrs auf einen einzigen Platz lästig werden, sobald das Wachstum der Stadt
eine gewisse Grenze überschreitet. Kier die früheren Schranken des Kökergewerbes
fortdauern zu lassen, wäre umso törichter, als die berufsmäßige Vermittelung zwischen
Produktion und Konsumtion beiden Teilen eine Menge von Mühen und Zeitverlusten
erspart, die gerade auf hoher Kulturstufe immer schwerer wiegen. Für eine große
Stadt kann ja die unmittelbare Zufuhr der nahe wohnenden Landwirte gar nicht aus
reichen. Kier würde jeder Marktzwang namentlich auch das ärgste Schwanken der
Preise bewirken. Das Preußische Edikt von 1810 schaffte für die Märkte das Ver
kaufsrecht einzelner Klassen ab, hielt aber für die Markttage das Verbot des Vor- und
Aufkaufens außerhalb des Marktes fest. Die Gewerbeordnung von 1845 milderte
auch dies, und die Reichsgewerbeordnung ignoriert es ganz. -— Die Krammärkte
haben von ihrer früheren Bedeutung, namentlich infolge der Gewerbefreiheit und neuern
Transportverbesserung eingebüßt. Es ist bezeichnend, wie der heutige Sprachgebrauch
unter Iahrmarktware meist schlechte Ware versteht, und wie sehr gerade diejenigen,
die für wahre Volksfeste Sinn haben, die Jahrmarktslustbarkeiten unerfreulich finden. —
Von den Messen weiß schon Turgot, daß ihre Größe durchaus kein Zeichen blühenden
Verkehrs ist, vielmehr in Staaten gefunden wird, „deren Kandel gefesselt, mit Abgaben
überlastet und darum mittelmäßig". Auf hoher Kulturstufe ist die Rechtssicherheit