Full text : Die Kaufkraft des Geldes

58

IV.  Kapitel.

*

herrschte,  diese  Veränderungen  durch  Ausgleichung  des  Zinsfußes  aufzuwiegen, ­
  so  könnten  die  Schwankungen  bedeutend  abgeschwächt  werden.
Nur  durch  das  Nachhinken  des  Zinsfußes  vermögen  die  Schwankungen  so
große  Verhältnisse  anzunehmen.  Über  diesen  Punkt  äußert  sich  Marshall
sehr  treffend:
„Die  Ursache  für  die  abwechselnden  Perioden  des  An-  und  Abschwellens ­
  der  geschäftlichen  Tätigkeit  ...  ist  innig  verknüpft  mit  jenen
Schwankungen  des  tatsächlichen  Zinsfußes,  die  von  den  Veränderungen
in  der  Kaufkraft  des  Geldes  ausgehen.  Denn  wenn  Wahrscheinlichkeit
vorhanden  ist,  daß  die  Preise  steigen,  dann  nehmen  die  Leute  eiligst  Geld
auf  und  kaufen  Güter  ein  und  tragen  dadurch  zur  Preissteigerung  bei;  die
Hochkonjunktur  ist  da,  und  das  Geschäft  wird  skrupellos  undunökonomisch
betrieben;  wer  mit  geborgtem  Kapital  arbeitet,  zahlt  weniger  an  realem
Wert  zurück,  als  er  aufgenommen  hat,  und  bereichert  sich  auf  Kosten
der  Allgemeinheit.  Wenn  dann  nachher  der  Kredit  erschüttert  ist  und
die  Preise  zu  fallen  beginnen,  will  Jeder  Güter  loswerden,  deren  Wert  sich
verringert,  und  Geld  in  die  Hand  bekommen,  dessen  Wert  sich  rapid
erhöht;  dadurch  fallen  die  Preise  nur  noch  rascher,  und  das  weitere  Fallen
verringert  den  Kredit  noch  weiter,  und  so  fallen  denn  auf  lange  Zeit  die
Preise  weiter,  weil  die  Preise  einmal  gefallen  sind“ x ).
Einen  Zyklus  von  etwas  verschiedener  Art  bilden  die  jahreszeitlichen
Schwankungen,  die  alljährlich  stattfinden.  Solche  Schwankungen  werden
meistenteils  nicht  durch  die  Abweichung  von  einem  Gleichgewichtszustand
veranlaßt,  sondern  vielmehr  durch  eine  fortgesetzte  Angleichung  an  Zustände,
welche,  wenn  auch  veränderlich,  so  doch  normal  sind  und  erwartet  werden.
Wenn  im  Herbst  die  Zeit  der  Ernte  und  deren  Transport  heranrückt,  so  ist
eine  Tendenz  zu  einem  niedrigeren  Preisniveau  wahrzunehmen,  der  ein
Steigen  der  Preise  folgt,  sobald  diese  Periode  vorüber  ist  und  der  Winter
herannaht.

§6.
In  dem  vorliegenden  Kapitel  haben  wir  die  den  Übergangsperioden
eigentümlichen  Phänomene  analysiert.  Wir  haben  gesehen,  daß  eine  solche
Periode  des  „Aufschwungs“  zu  einer  Reaktion  führt,  und  daß  Wirkung  und
Gegenwirkung  einen  geschlossenen  Kreislauf  von  „Prosperität“  und  „Depression“ ­
  darstellen.

1 )  Marshall,  Principles  of  Economics,  5.  Aufl.,  London  (Macmillan),  1907,  Bd.  I
S.  594.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.