Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 495 
Betracht ein Schüler Hegels, und so hatte er sich ganz in den 
von diesem weiterbearbeiteten romantischen Begriff des Mythus 
eingelebt. Lag es nun da nicht nahe, diesen Begriff auf das 
Leben Jesu anzuwenden? Und sicherte diese Kombination nicht 
der Darstellung des Buches den Beifall der eben zu höchster 
Höhe angewachsenen Gemeinde der Hegelianer? Strauß betrat 
diesen Weg um so eher, je mehr die von ihm behauptete sehr 
mittelbare Überlieferung über das Leben Jesu die Anwendung 
des Mythusbegriffes im allerreichsten Maße gestattete. Und 
so entstand denn jenes Leben Jesu, das lange Zeit hindurch 
fast als ein Schiboleth zwischen den religiösen Parteien ge— 
golten und in eine Fülle orthodoxer Anschauungen und dogma⸗ 
lischer Begriffe aufs tiefste einschneidend gewirkt hat: denn der 
ersie Eindruck war der, daß man ganz anders wie nach den 
Schriften der Jungdeutschen vor einem Bankerott des bisherigen 
Christentums stehe. 
Strauß aber ließ seiner Biographie, die alsbald eine ganze 
Anzahl von Pamphleten und Entgegnungen hervorrief, zu deren 
Widerlegung wie im Verfolge weiterer geschichtlicher Studien 
in den Jahren 1840 und 1841 seine „Christliche Glaubens⸗ 
lehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampf mit 
der modernen Wissenschaft“ folgen. Es war eine Fortsetzung 
gleichsam des Lebens Jesu hinein in die innere Geschichte der 
Kirche. Strauß suchte da die Bilanz der bisherigen dogma⸗ 
tischen Entwicklung zu ziehen, und er fand, daß sie eigentlich 
nun aus einem kritischen Auflösungsvorgang der alten dogma— 
tischen Grundlagen bestehe; und daß von der gelehrten Arbeit 
der letzten zwei Jahrhunderte eigentlich an ihr nichts Positives 
zurückgelassen worden sei. Es war ein trostloses, nieder⸗ 
schmetterndes Ergebnis. Der zeitgenössischen Theologie aber 
blieb nach Ansicht von Strauß nur noch der Beruf, das morsche 
Kirchengebäude, das in den Bauplan der neuen Zeiten nicht 
mehr passe, so sachte abzutragen, daß sein Abbruch etwa noch 
vorhandene Insassen nicht mehr als nötig schädige. 
Es schien den Zeitgenossen der Ruin des Christentums 
überhaupt, denn sie erkannten nur zum allergeringsten Teile
	        
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