Full text: Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

Kolonien als Einwanderungsgebiete 
Die Kolonialfreunde aller Richtungen sind sich einig in der 
Argumentation, daß die europäischen Staaten die Kolonien nötig 
hätten als Abflußgebiete für ihre überschüssige Bevölkerung. 
Leider fehlt uns heute noch eine einheitliche sozialistische Be- 
völkerungstheorie und eine sozialistische Bevölkerungspolitik, 
aber wir sollten uns von dem gefährlichen Neomalthusianismus 
wenigstens so weit fern halten, daß wir nicht von vornherein eine 
absolute Übervölkerung Europas zugeben, ohne zu unter- 
suchen, ob die europäische Wirtschaftskrise nicht in anderen 
Ursachen ihre Wurzel hat. Sollte es wirklich nötig sein, den 
ganzen Weg, den unsere Theorie seit Marx zurückgelegt hat, 
noch einmal rückwärts zu gehen, und noch einmal zu beweisen, 
daß nicht die Menschenzahl, sondern die kapitalistische Produk- 
tionsweise die Ursache der Widersprüche zwischen Produktion 
und Produktivität, zwischen Produktivität und Absatzmöglich- 
keiten ist? Die absolute Übervölkerung Europas’ als fest- 
stehende Tatsache und um ihretwillen die Kolonialpolitik der 
kapitalistischen Staaten als Notwendigkeit anerkennen, bedeutet, 
die gesamte sozialistische Lehre negieren. 
Zu welchen Widersprüchen diese Auffassung führt, geht dar- 
aus hervor, daß eben dieselben nationalistischen Kreise, die sich 
einerseits empören über Clemenceaus Behauptung, daß in 
Deutschland 20 Millionen Menschen zu viel lebten, auf der an- 
deren Seite in den Ruf, „Deutschland braucht Kolonien“, ein- 
stimmen, mit der Begründung, wir müßten unsere überschüssige 
Bevölkerung nach kolonialen Gebieten abschieben. Eins kann 
doch nur richtig sein: entweder Clemenceau hat recht, dann be- 
steht keine Ursache zur nationalen Entrüstung, oder er hat un- 
recht, dann brauchen wir keine Kolonien. 
Und ebenso groß ist leider auch die Verwirrung, die diese 
Argumentation in unsere eigenen Reihen hineingetragen hat. 
Dieselben Kreise, die den Geburtenrückgang in Deutschland als 
„nationale Katastrophe‘ beklagen (vgl. den Artikel von Max 
Kliesse im Aprilheft 1928 der „Sozialistischen Monatshefte‘), 
benutzen fast jedes Heft ihres Organs, um die Notwendigkeit 
kolonialer Betätigung nachzuweisen. 
Wenn wirklich die Kolonien Aufnahmegebiete für die über- 
schüssige Bevölkerung, die in Europa keine Arbeit findet,
	        
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