Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

liberalen  Schule,  die  bis  dahin  den  Angriffen  siegreich  widerstanden
hat,  auch  wenn  sie  sich  zu  einigen  Konzessionen  verstehen  mußte,  und
deren  große  Gesetze  ihre  endgültige  Fassung  zur  gleichen  Zeit,  wenn  auch
in  zwei  recht  verschiedenen  Gestalten,  fanden:  in  England  in  den  Principles
  Stuart  Mill’s,  in  Frankreich  in  den  Harmonies  Bastiat’s.
4.  Epoche:  die  zweite  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Abtrünnigen ­
  des  Liberalismus,  die  nach  vier  verschiedenen  Richtungen  hin
Schismen  hervorrufen:  —  in  der  Methode,  durch  die  historische  Schule;  —
in  der  Sozialpolitik,  durch  den  Staatssozialismus;  —  in  der  wissenschaftlichen ­
  Auffassung,  durch  den  Marxismus;  —  in  der  ethischen  Grundlegung, ­
  durch  den  christlichen  Sozialismus.
5.  Epoche:  Ende  des  19.  und  Anfang  des  20.  Jahrhunderts.  Die
neuzeitlichen  Lehren,  in  denen  wir  schon  bekannte  Doktrinen,  in
neuen  Formen,  fortgebildet  oder  entstellt,  wie  man  will,  wiederfinden
werden:  —  die  hedonistischen  Doktrinen  und  die  Theorien  über  die  Bodenrente, ­
  die  nur  eine  Art  von  Revision  der  klassischen  Lehren  sind;  —  der
Solidarismus,  der  eine  Brücke  zwischen  dem  Individualismus  und  dem
Sozialismus  schlägt;  —  und  endlich  der  Anarchismus,  der  nur  eine  Art
von  zur  Verzweiflung  getriebenem  Liberalismus  ist.
Diese  Aufeinanderfolge  bedeutet  keineswegs,  daß  jede  vorhergehende
Doktrin  von  der  auf  sie  Folgenden  beseitigt  oder  verdeckt  worden  wäre.
Das  Aufkommen  der  historischen  Schule  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
z.  B.  fällt  mit  dem  Wiederaufleben  der  liberalen  Schule  und  des  Optimismus
zusammen.  Der  Neo-Liberalismus  der  österreichischen  Schule  entwickelt
sich  gleichzeitig  mit  dem  Staatsinterventionismus  und  dem  Kollektivismus.
Trotzdem  wird  man  in  dieser  Entwicklung  einen  gewissen  Rhythmus
der  Bewegung  bemerken:  die  Doktrin,  die  man  die  klassische  nennen  kann,
tritt  zuerst  auf,  wird  dann  unter  dem  Druck  von  mehr  oder  weniger  sozialistischen ­
  Lehren  zurückgedrängt,  um  später  unter  neuen  Formen  wieder
aufzutauchen.  Doch  darf  man  sich  hierdurch  nicht  verführen  lassen,
hierin  nur  eine  einfache  Ebbe-  und  Flutbewegung  zu  sehen,  ein  Auf-  und
Abschwanken,  das  dem  ähnlich  ist,  das  im  Parlamentarismus  die  Vertreter
der  beiden  großen  Parteien  abwechselnd  zur  Macht  gelangen  läßt.  Wenn
sich  in  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen  Schwankungen
der  gleichen  Art  kund  tun,  so  muß  man  ihre  Ursachen  weniger  in  den
Lehren  selbst,  als  in  der  Gunst  der  öffentlichen  Meinung  suchen,  die  in
Wirklichkeit  jedesmal  kommt  und  geht,  wie  der  Wind  sich  dreht.
Aber  die  Doktrinen  und  die  Systeme  haben  ihr  eigenes  Leben,  das
keineswegs  nur  von  der  Mode  abhängig  ist.  Es  würde  genauer  sein,  in
ihrer  Geschichte,  wie  übrigens  in  der  Geschichte  aller  Ideen,  einen  Kampf
ums  Dasein  zu  sehen.  Bald  folgen  sie  nebeneinanderlaufenden  Wegen
und  teilen  sich  friedlich  in  die  Herrschaft  über  die  Geister;  bald  branden
sie  in  stürmischen  Wogen  gegeneinander.  Es  kann  geschehen,  daß  in
            
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