Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II,  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  381

Wir  können  die  Volks  Wirtschaftler  dieser  Periode  nicht  alle  einzeln
studieren 1 ).  Es  gibt  unter  ihnen  jedoch  einen,  dem  man  nicht  den  ihm
gebührenden  Platz  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  gegeben  hat,  und  der
doch  sowohl  die  Vorzüge,  wie  die  Fehler  der  klassischen  Schule  am  ausgeprägtesten ­
  in  sich  vereinigt:  nämlich  Nassau  Senior 2 ).  Er  löste  die
Nationalökonomie  von  jedem  Kompromiß  mit  den  sozialistischen  Systemen
oder  Reformen  los  und  stellte  sie  außerhalb  jeder  moralischen  oder  gefühlsmäßigen ­
  Ordnung.  Indem  er  sie  auf  eine  kleine  Zahl  unveränderlicher
Grundprinzipien,  aus  denen  man  alles  andere  ableiten  kann,  zurückführte
(vier  schienen  diesem  neuen  Euklid  zu  genügen 3 )),  hatte  er  den  Ehrgeiz,
aus  der  Nationalökonomie  eine  exakte  Wissenschaft  zu  machen.  Er  war
daher  einer  der  Begründer  dessen,  was  wir  heute  unter  „reiner  Ökonomik“
verstehen.

Nassau  Senior  führte  in  die  Nationalökonomie  ein  Element  ein,
von  dem  bis  dahin  noch  nicht  die  Rede  gewesen  war,  die  „Abstinenz“  —
das  Sparen,  wenn  man  so  will,  aber  das  Wort  Senior’s  ist  energischer
un d  genauer.  Weshalb  brachte  er  dieses  neue  Wort  auf?  Die  Abstinenz
kann  keinen  Reichtum  schaffen?  Allerdings  nicht,  sagt  Senior,  aber
Sle  schafft  wenigstens  einen  Anspruch  auf  Entlohnung,  denn  sie  schließt
e m  Opfer  ein,  eine  Mühewaltung,  gerade  wie  die  Arbeit.  Bis  dahin  war
( ^s  Einkommen  aus  Kapital  von  den  drei  großen  Einkommenskategorien
das  am  wenigsten  gerechtfertigte,  denn  Ricardo  hatte  es  nur  indirekt
er klärt,  indem  er  es  als  eine  Art  Rest  darstellte,  der  übrig  bleibt,  wenn
ma n  den  Lohn  abzieht  (s.  o.  S.  174).  Man  hielt  es  für  selbstverständlich,
daß  das  Kapital,  genau  wie  die  beiden  anderen  Produktionsfaktoren,  ein
® e cht  auf  Entlohnung  habe.  Weshalb  das?  Mit  welchem  Rechte  kann

James  m  lr  sc ^ lon  unmittelbaren  Schüler  Ricardo’s,  Mac  Culloch  und
W AK  , ILL  a,1 « ( Jührt.  Wir  zitieren  noch  die  Namen  von  Robert  Torrens  und  Gibbon
ft* 1 * :  J (;r  letztere  machte  eine  bemerkenswerte  Anwendung  der  Theorien
N  ° s  au l  d‘ e  Kolonisation  in  einem  System,  das  lange  Zeit  hindurch  unter  seinem
ncn  berühmt  blieb.
Natioi!  |^V) SSAU  Senior  hatte  während  eines  Teiles  seines  Lebens  die  Professur  für
Sesehaff  Ö ^ onomie  111  Oxford  inne,  die  1825  als  die  erste  in  England  unter  diesen  Namen
1R27  .1  k  wor den  war.  Vorlesungen  über  verschiedene  Gegenstände  wurden  von
I835  |  f  S e ( r ? nnt  veröffentlicht,  und  eine  Auswahl  dieser  Vorlesungen  erschien
del’p 11  lranz ö s ' sc her  Übersetzung  unter  dem  Titel:  Prineipes  fondamentaux
of  po'-^ie  politique.  Vollständig  findet  sich  seine  Lehre  jedoch  in  An  Outline
Und  sn'f 1Cal  Economy,  zuerst  1836  in  der  Encyclopedia  Britannica  veröffentlicht,
faden  ™ ter  a * s  kleines  Buch  herausgegeben,  das  als  der  erste  volkswirtschaftliche  Leitangesehen
  werden  kann.
MaxjjJ  ü ' cse  vier  Grundsätze  sind:  1.  Das  Prinzip,  daß  das  Individuum  immer  das
s Pater  T'  <  er  Befriedigung  durch  das  Minimum  der  Anstrengung  sucht:  das  was  man
J.  das  d  aS  hedonistische  Prinzip  genannt  hat;  2.  das  der  Bevölkerungsvermehrung;
nicht  v"  sf j e 'g en( len  Produktivität  der  Industrie;  4.  das  des  sinkenden  oder  wenigstens
Mhältnismäßigen  Bodenertrags  in  der  Landwirtschaft.
            
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