Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

452

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Kapitalien  wie  durch  ein  natürliches  Gefälle  den  ertragreichsten  Anlagen
zufließen.
Aber  schon  nach  Maltiius  und  Ricardo,  nach  den  Theorien  der
Bodenrente  und  der  Bevölkerung,  ist  das  Prinzip  der  natürlichen  Identität
der  Interessen  stark  erschüttert,  obgleich  diese  beiden  Schriftsteller  noch
durchaus  an  der  Freiheit  festhalten.
Da  greift  Sismondi  ein.  Er  beschreibt  uns  die  Übel  der  Konkurrenz,
unter  der  mit  Notwendigkeit  die  soziale  Ungleichheit  der  Kontrahenten
den  Schwächeren  dem  Willen  des  Stärkeren  unterwirft,  und  sein  ganzes
Buch  ist  eine  einzige  Widerlegung  des  Vorsehungsoptimismus  Smith’s.
In  Deutschland  hatte  der  Volks  Wirtschaftler  Hermann,  der  die  Ausarbeitung ­
  der  klassischen  Theorien  in  glänzender  Weise  fortsetzte,  nacbgewiesen,
  daß  das  persönliche  Interesse  oft  entweder  im  Gegensatz  zu  dem
öffentlichen  Interesse  steht,  oder  zu  schwach  ist,  es  zu  verwirklichen.  Er
erklärte  schon  1832,  daß  man  die  Behauptung  der  meisten  Volkswirtschaftler ­
  seit  Adam  Smith  nicht  unterschreiben  könne,  nach  der  die  von
persönlichen  Interessen  getriebene  Tätigkeit  der  Individuen  für  alle  Notwendigkeiten ­
  der  Volkswirtschaft  genüge 1 ),  und  daß  man  auch  dem
Gemeinsinn  einen  Platz  einräumen  müsse.
Dann  steht  List  auf,  der  seine  ganze  Beweisführung  stützt  auf  den
Gegensatz  zwischen  den  augenblicklichen  Interessen,  die  die  einzige  Richtschnur ­
  der  Individuen  sind,  und  den  beständigen  und  dauernden  Interessen
der  Nation,  die  nur  von  einer  Regierung  vertreten  werden  können.
Einige  Jahre  später  diskutiert  Stuart  Mill  nicht  einmal  mehr  in
dem  berühmten  fünften  Buch  seiner  Prinzipien  der  Volkswirtschaft
die  These  der  natürlichen  Übereinstimmung  der  Interessen,  so  wenig
haltbar  erschien  sie  ihm.  Um  im  Prinzip  die  Einmischung  der  Regierung
auszuschalten,  läßt  er  nur  ein  einziges  wirtschaftliches  Argument  gelten:
die  Überlegenheit,  die  den  Individuen  der  Beweggrund  des  persönlichen
Interesses  gibt.  Er  beeilt  sich  aber  nachzuweisen,  wie  vielen  Beschränkungen ­
  dieses  Prinzip  unterliegt:  natürliche  Unfähigkeit  der  Kinder  und
der  Schwachsinnigen,  die  Unkenntnis  seiner  wirklichen  Interessen  auf
seiten  des  Verbrauchers,  die  häufige  Unmöglichkeit,  auch  für  die,  die  sie
kennen,  dieses  Interesse  ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  zu  verwirklichen
(z.  B.  in  der  Frage  der  Dauer  der  Arbeitszeit  für  die  Arbeiter).  Mill  weist
auch  darauf  hin,  wie  oft  in  unserer  modernen  industriellen  Organisation
dieser  Beweggrund  nicht  vorhanden  ist:  in  Aktiengesellschaften,  in  denen
die  Aktionäre  nicht  ohne  das  Zwischenglied  eines  bezahlten  Vertreters
auskommen  können,  oder  in  Wohltätigkeitsanstalten,  in  denen  nur  das
Interesse  Anderer  in  Betracht  kommt.  Weiterhin  kann  sich  auch  das
Privatinteresse  sehr  oft  in  Widerspruch  mit  dem  allgemeinen  Interesse
l )  Hermann,  Staafcswissenschaftliche  Untersuchungen,  1.  Ausgabe,
S.  12—18.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.