Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

denn  sonst  nützen  diese  Erzeugnisse  nichts  und  verderben  in  der
Hand  des  Erzeugers.  Der  Tausch  aber,  der  im  Ankauf  dieser  Erzeugnisse ­
  zum  Zweck  des  Weiterverkaufes  besteht,  und  den  sie
Handel  —  trafic  —  nennen  (er  allein  bedeutet  heute  im  juristischen
Sinne  des  Wortes  Handelstätigkeit),  ist  weiter  nichts  als  eine  Güterverschwendung; ­
  ein  Teil  davon  wird  sogar  von  dem  Händler  aufgezehrt ­
 1 ).  Den  gleichen  Gedanken  finden  wir  im  folgenden  Jahrhundert ­
  bei  Carey.  Geistreich  vergleicht  Merciek  de  la  Riviebe
die  Kaufleute  mit  Spiegeln,  die  so  aufgestellt  sind,  daß  sie  zu  gleicher
Zeit  und  nach  verschiedenen  Richtungen  das  Bild  desselben  Gegenstandes ­
  wiedergeben.  Wie  diese  Spiegel  scheinen  sie  die  Gegenstände
zu  vermehren  und  täuschen  so  das  Auge,  das  sie  nur  oberflächlich
sieht 2 ).
Nun  gut!  Lassen  wir  diese  Verachtung  des  Handels  einmal
gelten:  zu  welchem  Schlüsse  führt  dies?  Daß  man  ihn  verbieten?
oder  gesetzlich  regeln?  oder  freigeben  muß?  Keine  dieser  Schlußfolgerungen ­
  ergibt  sich  zwingend  aus  den  Voraussetzungen;  weun  der
Handel  nutzlos  ist,  scheint  die  erste  Lösung  die  richtigste.  Die
Physiokraten  waren  aber  für  die  dritte;  aus  welchem  Grunde?
Man  versteht  ganz  gut,  daß  die  Physiokraten  den  Merkantilismus
und  Colbertismus  verwarfen,  die  beide  dem  Lande  eine  günstige
Handelsbilanz  verschaffen  wollten;  denn  dieser  Zweck  erschien  ihnen
fantastisch  und  sogar  unmoralisch.  Schwerer  ist  die  Erklärung,  warum
sie  die  Freiheit  des  Handels  befürworteten,  der  doch  ihrer  Ansicht
nach  zu  nichts  nütze  war.  Heute  folgen  die  Freihändler  unter  den
Nationalökonomen  ihrem  Beispiele,  aber  mit  dem  Gedanken,  daß  der
Freihandel  eine  große  Wohltat  für  alle  Länder  ist,  und  daß  die  daran
teilnehmenden  Länder  um  so  reicher  werden,  je  mehr  er  sich  entwickelt. ­
  Das  war  aber  durchaus  nicht  die  Meinung  der  Physiokraten.
Wenn  sie  Freihändler  waren,  so  lag  dies  in  erster  Linie  daran,  daß
sie  hauptsächlich  an  Handelsfreiheit  im  Innern  dachten,  und  man  muß
sich  vergegenwärtigen,  was  für  außerordentliche  Schranken  in  damaliger ­
  Zeit  den  Handel  im  Innern  hemmten s ).  Und  weiter  ergab
sich  aus  der  natürlichen  Ordnung,  daß  jeder  kaufen  und  verkaufen

1 )  „Die  Kaufleute,  wie  man  sie  nennt,  sind  nur  Händler.  Denn  derjenige,
der  Handel  treibt,  ist  nur  eine  Art  Angestellter,  dem  es  durch  seine  fleißige  Tüchtigkeit ­
  gelingt,  sich  einen  Teil  der  Güter  der  anderen  anzueignen“  (Mebcibe  de  la
EiviSre,  S.  551).  „Der  Verdienst  der  Kaufleute  ist  kein  Gewinn  für  den  Herrn“
(Qubsnay,  S.  151).
2 )  Ordre  naturel,  S.  538.
a )  Verpflichtnngen,  nur  auf  dem  Markt  und  nur  beschränkte  Mengen  zu  verkaufen,
das  Getreide  nicht  länger  als  zwei  Jahre  zurückzuhalten  —  und  auf  dem  Markt
selbst  zuerst  an  die  Verbraucher,  dann  an  die  Bäcker  und  dann  erst  an  die  Händler
zu  verkaufen!  usw.
            
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