Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

ihnen  weit  ihre  Tore  geöffnet.  Frankreich  jedoch  ist  ihnen  bis  heute  hartnäckig ­
  verschlossen  gebheben.  Nicht  nur  ist  der  Doyen  dieser  Schule,
Walras,  gezwungen  gewesen,  Frankreich  zu  verlassen,  um  im  Auslande
ein  günstigeres  Feld  für  seine  Lehrtätigkeit  zu  suchen,  sondern  man  hätte
bis  vor  kurzem  kein  Buch  und  keine  Vorlesung  finden  können,  wo  diese
Doktrinen  dargelegt  oder  auch  nur  kritisiert  worden  wären 1 ).
Man  würde  diese  Antipathie  leichter  verstehen,  wenn  Frankreich,
wie  Deutschland,  schon  von  der  historischen  Schule  erobert  worden
wäre:  in  diesem  Fall  hätten  allerdings  diese  beiden  Richtungen  nicht
nebeneinander  bestehen  können.  Wir  haben  aber  schon  gesehen,  daß  dies
nicht  der  Fall  ist,  denn  die  große  Mehrzahl  der  französischen  Volkswirtschaftler ­
  ist  der  liberalen  Schule  treu  geblieben.  Anscheinend  hätte  man
sich  daher  wohlwollender  gegenüber  einer  Schule  zeigen  sollen,  die  doch
schließlich  neo-klassisch  ist  und  nie  etwas  Anderes  wollte,  als  die  Lehre
der  Meister  besser  darzustellen 2 ).

x )  In  den  letzten  Jahren  hat  Colson  in  seiner  großen  Abhandlung  über  Lconomie
politique  den  mathematischen  Theorien  des  Angebots  und  der  Nachfrage  einen  Platz
eingeräumt;  Landry  hat  in  seinem  Manuel  d’Üconomique  die  Theorien  der  österreichischen ­
  Schule  dargelegt.  Wir  haben  schon  (S.  579  Anm.)  das  Buch  Aupetit’s
über  das  Geld  angeführt.  Weiterhin  müssen  noch  die  Übersetzungen  des  Manuel
d’Bconomie  Politique  Vilfredo  Pareto’s  und  der  Thöorie - de  l-’Lconomie
Politique  von  Stanley  Jevons  erwähnt  werden.
s )  Paul  Leroy-Beaulieu  ist  besonders  scharf  gegen  die  mathematische  Schule
aufgetreten;  „Sie  ist  eine  reine  Chimäre,  der  reine  Betrug.  .77  Sie  hat  weder  eins  wissenschaftliche ­
  Grundlage,  noch  irgendwelche  praktische  Anwendungsmöglichkeit.  Sie
bietet  nur  reine  Gedankenspielereien  ...  die  dem  Berechnen  der  Folge  der  Glücksnummern ­
  am  Roulette  in  Monaco  ähnlich  sind.“  —  „Die  angeblichen  Kurven  der
Nützlichkeit  wie  die  der  Nachfrage“,  sagt  er  an  anderer  Stelle,  „entbehren  jeder  praktischen ­
  Bedeutung,  weil  man  Bier  oder  Apfelwein  trinken  wird,  wenn  der  Preis  für  '
Wein  steigt.  Jedes  Produkt  hat  Ersatzprodukte  neben  sich,  die  seine  Bewegung  begrenzen“ ­
  (Traitö  d’Bconomie  Politique,  Bd.  I,  S.  85  und  Bd.  III,  S.  62).
Diese  letztere  Kritik  kommt  wirklich  etwas  unerwartet.  Wie  kann  man  den
Hedonisten  vorwerfen,  von  dem  Gesetz  der  Substitution  keine  Kenntnis  zu  haben,
da  sie  es,  wie  wir  eben  gesehen  haben,  wenn  auch  nicht  entdeckt,  so  doch  außerordentlich
ausgebaut  haben?  Es  ist  daher  doch  wahrscheinlich,  daß  ein  etwa  bestehender  Widerspruch ­
  zwischen  diesem  Gesetz  und  ihrer  Lehre  ihnen  nicht  entgangen  sein  würde.
Übrigens  können  wir  diesen  Widerspruch  nicht  finden.  Bier  und  Apfelwein  können  den
Wein  ersetzen:  aber  jedes  dieser  Getränke  hat  seine  eigene  Nachfragekurve.  Daß  die
Möglichkeit,  von  der  einen  zur  anderen  gehen  zu  müssen,  das  Problem  erschwert,  da
in  diesem  Fall  der  mathematische  Volkswirtschafttler  es  mit  zwei  oder  drei,  anstatt
mit  nur  einer  Kugel  zu  tun  hat,  die  er  ins  Gleichgewicht  bringen  muß,  —  das  ist  ganz
richtig!  Aber  gerade  für  diese  Art  von  Schwierigkeiten  eignet  sich  die  Mathematik
am  ehesten,  ja  ihre  Anwendung  drängt  sich  fast  geradezu  auf.  Diese  Solidarität  zwischen
verschiedenen  Werten,  komplementären  und  supplementären  Gütern,  ist  gerade  eins
der  Probleme,  das  die  Hedonisten  mit  Vorliebe  pflegen  (siehe  Pantaleoni,  Economia
pura).
In  einer  Abhandlung  Simxand’s  findet  sich  eine  Kritik  der  mathematischen  Volks-
            
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