Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 465
Entwicklung der wirtschaftlichen Formen und Beziehungen, oder eine
ökonomische Soziologie bilden müsse 1 ).“
In dem Augenblick, in dem die Wissenschaft erschöpft zu Boden
zu sinken schien, lag in der neuen Auffassung der historischen Schule,
bei dem Fehlen großer synthetischer Rekonstruktionen, die nur den
größten Denkern Vorbehalten sind, ein kostbares Mittel, sie wieder
zu beleben, anzuspornen und sie von neuem in Berührung mit dem
ganzen zeitgenössischen Leben zu bringen.
Dies hat die historische Schule getan, indem sie unsere Kennt
nis der wirtschaftlichen Vergangenheit völlig erneuerte und mit
einer oft bewunderungswürdigen Genauigkeit gewisse höchst inter
essante und verwickelte Einrichtungen der Gegenwart beschrieb 2 ).
Der Natur der Sache nach kann ein derartiges Werk freilich
nur fragmentarisch sein. Die historische Schule hat bewunderungs
würdiges Material zusammengetragen. Sie hat leider noch nicht das
harmonisch zusammengefügte Gebäude errichtet, unter dessen Bild
wir uns — vielleicht zu Unrecht — die Wissenschaft der Zukunft
Torzustellen lieben. Sie hat den neuen Faden der Ariadne noch
nicht gefunden, der uns gestatten würde, in dem Labyrinth der
Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens sicher unseres Weges zu
gehen. Hierüber darf man nicht erstaunt sein, wenn man an die
Zweifel denkt, die wir soeben über die Fähigkeit der Geschichte
ausgesprochen haben, uns diesen Faden in die Hand zu geben. An
scheinend, und hierauf muß hingewiesen werden, wird sie selbst
sich dessen bewußt.
Ashley schrieb in einem vor nicht langer Zeit erschienenen
Aufsatz: „Die Kritiken der historischen Schulen haben uns bisher noch
nicht zur Errichtung einer neuen Ökonomik auf historischer Grund
lage geführt; sogar in Deutschland haben sich erst in diesen aller
letzten Jahren unseren Augen einige der Richtlinien einer solchen
Nationalökonomie unbestimmt in dem großen Werk G. Schmollee’s
gezeigt 3 ).“
Und gerade deswegen hätte die historische Schule nachsichtiger
sein sollen hinsichtlich der zunächst von den Klassikern und dann
von den Hedonisten gemachten Versuche, auf einem anderen Wege
jenes instinktive Bedürfnis, zu befriedigen, das dem menschlichen
*) Stahles Jbvons, The Theory ofpolitical economy, Vorrede zur 2. Aus
gabe (1879).
2 J So enthält besonders das von Schmoller geleitete Jahrbuch beschreibende
Untersuchungen über den zeitgenössischen Mechanismus des Handels und der Industrie,
die vorbildlich sind.
3 ) Ashley: The present Position of political Economy (im Eco
nomic Journal, 1907, S. 487).
Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
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