Full text : Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

68  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Städten  —  was  kaum  vorauszusehn  ist,  wenigstens  nicht  in
Frankreich.  In  diesem  Falle  nämlich  würde  das  Gesetz  von
Angebot  und  Nachfrage  statthaben  und  eine  Senkung  der
Mietspreise  verursachen.  Die  zweite  Lösung  ist:  die  Industrie
müßte  Bauweisen  erfinden,  die  gänzlich  von  den  bis  jetzt
üblichen  verschieden  sind,  das  heißt,  sie  müßte  Mittel  zum
Bauen  nach  dem  Normungsverfahren  finden,  wie  bei  Fahrrädern ­
  oder  Uhren.  Und  trotz  alledem  ist  es  wahrscheinlich,
daß  in  Zukunft  nicht  nur  ein  Siebentel  unseres  Haushalts,  was
als  das  Normalverhältnis  angesehn  wurde,  sondern  ein  Viertel
oder  ein  Drittel  für  die  Wohnung  wird  aufgewandt  werden  h,
müssen.
Der  Rentner.  Das  doppelte  Attribut  des  Eigentumsrechts, ­
  das  wir  soeben  untersucht  haben,  die  Pacht  und  das
Leihen,  hat  eine  Folge  von  unberechenbarer  Tragweite:  es
erlaubt  nämlich  dem  Eigentümer,  vom  Einkommen  seiner
Ländereien  oder  Kapitalien  ohne  Arbeit  zu  leben,  als  sogenannter ­
  Rentner.  Nun  aber,  Rentner,  Müßiggänger,  Schmarotzer ­
  —  zwischen  diesen  drei  Bezeichnungen  ist  der  Übergang
leicht,  und  man  kann  sich  vorstellen,  wie  die  Sozialisten  nicht
verfehlt  haben,  diese  Folge  des  Eigentumsrechts  als  Grund
für  seine  Verdammung  anzusprechen.
Der  Rentner  kann  zu  seiner  Verteidigung  sagen,  daß  es
in  allen  Gesellschaften  immer  unentbehrlich  war,  eine  gewisse
Anzahl  Leute  zu  haben,  die  über  hinreichende  freie  Zeit  verfügten ­
  —  gerade  damit  sie  durch  ihre  Lage  frei  waren  von  der
Sorge  um  das  tägliche  Brot  und  ungehindert  sich  dem  selbstlosen ­
  Denken  und  den  nicht  Gewinn  bringenden  Arbeiten
widmen  konnten:  Pflege  der  Wissenschaften  und  Künste,  Philosophie, ­
  Ausübung  der  Liebestätigkeit,  hohe  Regierungsämter, ­
  die  bis  in  die  jüngste  Zeit  hinein  unbesoldet  waren.
Man  darf  sich  fragen,  ob  die  Kulturen,  die  wir  überkommen ­
  haben,  und  ihre  ganze  Blüte,  die  uns  geistig  zu
dem  gemacht  hat,  was  wir  sind,  die  Kultur  Griechenlands
oder  Roms,  oder  noch  näher  zu  unserer  Zeit  eine  Aristokratie
wie  die  englische  und  das  von  ihr  geschaffene  Weltreich,  hätten
jemals  in  die  Erscheinung  treten  können,  wenn  nicht  eine  mit
diesem  herrlichen  Vorrecht  der  Muße  ausgestattete  Menschenklasse ­
  existiert  hätte.
Nicht  als  ob  die  großen  Männer  ausschließlich  oder  auch
nur  hauptsächlich  aus  der  Klasse  der  Rentner  hervorgegangen
wären,  dies  Wort  selbst  im  weiteren  Sinne  von  Edelleuten  und
            
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