Full text : Die Konsumtion

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

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§  7

„Kostsätze“  der  Wirklichkeit  das  Schema  der  Sollnahrung,  der  „Kostmaße“  mit
ihren  drei  Bestandteilen,  die  die  Physiologie  fordert  (allerdings  mit  bemerkenswerten
Abweichungen).  So  berechnet  Lichtenfeit  den  täglichen  Durchschnittsverbrauch
eines  erwachsenen  Deutschen  auf  115  g  Eiweiß  (bzw.  Stickstoff),  90  g  Fett,  549  g
Kohlehydrate  =  3559  Kalorien,  während  V  o  i  t  und  sein  Schüler  Rubner 1 )
für  einen  Mann  von  70  kg  Körpergewicht  bei  mittelschwerer  Arbeit  von  täglich  9—10
Stunden  eine  Tagesmenge  brutto  von  118  g  Eiweiß,  56  g  Fett,  500  g  Kohlehydraten
=  3055  2 )  Kalorien  fordern.  Wir  kommen  später  auf  die  Frage  zurück,  wie  das  Verhältnis ­
  jenes  mittleren  deutschen  Kostsatzes  zu  dieser  Norm  des  Voit-Rubnerschen
Kostmaßes  zu  deuten  ist.
2.  In  diesem  deutschen  Kostsatze  der  Gegenwart  haben  wir  indessen  längst
nicht  mehr  die  überkommene  bodenständige  Nahrung,  sondern  eine  Mischung  aus  ihr
und  der  willkürlich  veränderten,  auch  durch  ausländische  Güter  modifizierten  verkehrswirtschaftlichen ­
  Kost,  wie  sie  am  ausgeprägtesten  in  der  Großstadt ­
  sich  findet.  Die  verkehrswirtschaftliche  Kost  wird  aber  trotz  ihrer  größeren
Mannigfaltigkeit  durch  beachtenswerte  Nachteile  gegenüber  der  eigenwirtschaftlichen ­
  charakterisiert.  Einmal  entbehrt  sie  noch  der  festen  Sitte,  die  eine  gewisse
Garantie  gegen  physiologisch  unzweckmäßige  Abweichungen  gibt,  und  es  ist  sogar
fraglich,  ob  sie  unter  der  Herrschaft  der  sozialen  Rivalität  eine  solche  Festigkeit  je
gewinnen  wird 3 ).  Zweitens  bietet  der  Verkehr  eine  Mannigfaltigkeit  entbehrlicher
und  teilweise  selbst  schädlicher  Güter  an,  deren  Verbrauch  früher  auf  engere  Kreise
beschränkt  war,  auf  dem  Gebiete  der  Nahrung  insbesondere  Reizmittel.  Im
Handel  findet  dieses  Angebot  einen  berufsmäßigen,  raffinierten  und  oft  aufdringlichen
Vertreter 4 ),  unter  Umständen  auf  Kosten  des  Konsums  von  Existenzgütern.  Erst
auf  diesem  verkehrswirtschaftlichen  Boden  gedeiht  auch  der  Auszeichnungstrieb  in
der  Konsumtion,  oft  zu  gunsten  der  Kleidung  auf  Kosten  der  Nahrung:  die  Masse
der  Konsumenten  ist  der  wirtschaftlichen  Verantwortung,  die  das  Geldeinkommen
auflegt,  noch  nicht  gewachsen.  Drittens  beginnt  mit  der  Verkehrswirtschaft  auch  die
V  erfälschung  der  Nahrungsmittel  und  überhaupt  die  Unsolidität  in  der
Güterherstellung 5 ).  Viertens  wird  in  der  verkehrswirtschaftlichen  Bedarfsdeckung
schärfer  gerechnet,  knapper  gewirtschaftet  und  die  Grenze  der  Unterernährung ­
  leichter  überschritten 6 ).  Und  wo  wir  heute  noch  Reste  der  Eigenwirtschaft ­
  finden,  scheinen  sie  die  Ernährung  zu  verbessern.  So  hat  G  r  o  t  j  a  h  n  eine
relativ  gute  Ernährung  namentlich  in  Arbeiterfamilien  mit  Schweinehaltung  (weniger
mit  Kuh-  und  Ziegenhaltung)  gefunden,  wie  bei  englischen  Fabrikarbeitern  1850  und

4 )  Lehrbuch  der  Hygiene,  7.  Aufl.  (1903),  S.  475.
2 )  Gelegentlich  erhöht  Rubner  diesen  Normalsatz  auf  3000—3500  Kalorien,  so  in  seiner
Schrift  „Volksernährungsfragen“  (1908),  S.  6.
3 )  Noch  fraglicher  ist  dies  für  Kleidung  und  Wohnung,  die  in  der  Verkehrswirtschaft
eine  ähnliche  Umwälzung  erfahren.
4 )  Vgl.  auch  Mataja,  die  Reklame,  1910.
6 )  Vgl.  Rubner  1898,  S.  21:  „Eine  der  bedenklichsten  Schattenseiten  einer  Großstadt ­
  ist  in  den  Ernährungsverhältnissen  zu  suchen.  Die  Konsumenten  beziehen  die  Nahrungsund ­
  Genußmittel  in  den  allerseltensten  Fällen  von  den  Produzenten  selbst;  es  fehlt  daher
sehr  häufig  die  Sicherheit  darüber,  ob  man  ein  Kunst-  oder  ein  Naturprodukt  zur  Ernährung
erhält.  Fast  alles  Nährmaterial  wird  importiert  und  geht  durch  die  Hände  von  vielen  Personen. ­
  Der  Nahrungsmittelfälschung,  dem  Verkauf  verdorbener  Waren,  verdorbener  Speisen ­
  ist  daher  Tür  und  Tor  geöffnet.  Der  Städter  versteht  sich  auch  meist  schlecht  auf  die  Beurteilung ­
  von  Nahrungsmitteln,  was  anderseits  die  Fälschung  und  Unterschiebung  schlechter
Ware  sehr  begünstigt.  —  Die  kleinen  Leiden  wie  leichtes  Unwohlsein  und  Verdauungsstörungen, ­
  welche  beim  Genüsse  frischen,  unverfälschten  Materials  so  selten  sind,  sind  bei  dem
Städter  ganz  an  der  Tagesordnung,  und  jedermann  findet  es  in  der  Ordnung,  daß  ihm  dies
oder  jenes  nicht  bekommt,  und  daß  er  dann  und  wann  einen  verdorbenen  Magen  hat.  Wie
häufig  werden  Kindern  und  alten  Leuten  diese  Verdauungsstörungen  so  verhängnisvoll  wie
irgend  eine  andere  schwere  Krankheit!“
“)  Max  Weber  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  S.  732.
            
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