Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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auch  in  der  Schneiderftubc,  wo  die  blauen  Uniformen  und  die
Schuten,  deren  Material  aus  England  kommt,  angefertigt  werden.
Die  Erhaltung  des  Hauses  und  das  Kochen  wird  von  einigen  Mädchen
besorgt.  Um  für  müßige  und  ungeschickte  Finger  stets  eine  Arbeit  aus
Lager  zu  haben,  wird  die  Herstellung  eines  neuen  patentierten
Fleckenreinigers  aus  Hülsen  und  Woll-Läppchen  für  eine  Fabrik  betrieben. ­
  Tausend  Stücke  bringen  7,5g  Mark.  Auch  einige  kleine
Kinder  bis  zu  vier  Jahren  sind  in  dem  Heim  in  Pflege,  allgemeine
Lieblinge,  die  frohes  Leben  in  das  Bild  bringen.  .  .  .  Die  meisten
der  Schützlinge  werden  in  Dienststellen  untergebracht,  für  die  stets
Vakanzen  vorliegen,  ein  Beweis,  daß  man  die  Mädchen,  nach  ihrem
Aufenthalt  im  Heim  als  zuverlässig  schätzt."
Die  Heilsarmee  kann  aber  keine  vielseitigen  Menschen,  sondern
nur  einseitige  religiöse  Fanatiker  erziehen.
Tausende  von  hilfesuchenden  Händen  unglücklicher  großjähriger
Dirnen  greifen  heute  in  die  leere  Luft,  weil  weder  Staat  noch  Gemeinde ­
  ihnen  die  Rettungshand  bietet.
Den  Pastor  Jsermeher,  den  Leiter  der  Korrektionsanstalt  zu
Himmelstür,  flehte  einst  eine  ehemalige  Dirne  mit  verzweifelten
Gebcrden  au:  „Helfen  Sie  mir,  Herr  Pastor,  daß  ich  nicht  wieder
nach  Hause  komme."  —  „Wie?  Du  willst  nicht  nach  Hause?"  fragte
ich,  „nicht  nach  Deinen  Eltern?"  —  „Nein,  nein!  "—  „Weshalb  denn
nicht?"  —  „Dann  muß  ich  wieder  unter  die  Kontrolle  gehen;  deshalb
lassen  Sie  mich  hier,  Herr  Pastor!"  -  -  Ich  staunte,  da  ich  so  etwas
zum  ersten  Male  hörte!  Ich  fragte  meine  Freunde,  sic  schüttelten
den  Kopf  und  wußten  keinen  Rat;  ja,  sie  meinten  zum  Teil:  Es
hilft  doch  nichts,  was  man  auch  mit  diesen  Personen  aufstellen  mag,
dies  Volk  hat  Nomadenblut  in  seinen  Adern,  das  ivill  doch  wieder
hinaus  auf  die  Straße  und  von  der  Straße  zurück  insGefängnis.
Und  in  schlaflosen  Nächten  tauchte  dem  Pastor  Jsermeher  der  Gedanke ­
  der  Begründung  von  Arbeiterinnenkolonien  auf:  „Baue,
!vie  cs  Arbeiterkolonien  für  Männer  gibt,  so  eine  Arbeiterinnenkolonic
  für  die  unglücklichen  heimatlosen  Weiber.  So  ging  das  Bedürfnis ­
  nach  einem  Asyl  einerseits  hervor  aus  der  Art  der  entlassenen
Gefangenen."  Pastor  Jsermeher  schuf  das  erste  „Arbeiterinnen-Ashl".

Das  Arbeiterinnen-Ashl  Jsermeyers  ist  als  ein  „Haus"  und
nicht  als  eine  „Anstalt"  gedacht.  „Es  müssen  so  viel  als  möglich
Familien  eingerichtet  werden,  es  muß  überall  behaglich  sein,  es  muß
Gemütlichkeit  herrschen  —  Arbeit  -—  ja,  aber  auch  Humor  muß  im
Hause  herrschen.  Denn  ohne  Humor  hält  es  kein  Mensch  aus;  den
armen  Mädchen  aber,  die  sich  ausgestoßen  fühlen  aus  dem  Kreise
ihrer  Mitmenschen,  ist  es  Bedürfnis,  daß  sie  Freundlichkeit  erfahren."
(Jsermeher.).
Pastor  Jsermeher  will  Sonnenschein  und  Lebensfreude  in  seine
Arbeiterinnenkolonie  Himmelstür  hineinbringen.  „Nun  aber  kann,"
so  bemerkt  er  treffend,  „Humor  und  Lebensfreude  da  nicht  auf-
            
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