Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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treibenden  Frauenzimmer  umfaßt,  ist  selbstverständlich  und  von
niemandem  bezweifelt.  Wie  hoch  sich  die  Anzahl  dieser  „wilden
Prostituierten"  beläuft,  ist  nicht  anzugeben.  Klein  ist  sic  wohl  nicht,
obgleich  die  Polizei  ihrem  Treiben  mit  allen  zu  Gebote  stehenden
Mitteln  entgegenzutreten  und  die  Frauenzimmer  zur  Bestrafung
oder  zur  Besserung  zu  bringen  sucht."
In  Dortmund  sowie  in  Bremen  beseitigte  das  Kasernierungsshstem
  der  Prostitution  das  Zuhälterwesen  nicht,  es  wird  der  Kasernierung ­
  aber  eine  Abmilderung  der  Ausschreitungen  des  Louistums
nachgerühmt.
Herr  Dr.  Stachow-Bremen,  obwohl  ein  eifriger  Anwalt  der
Kasernierung  der  Prostitution,  räumt  unumwunden  die  engen
Grenzen  ein,  die  der  Ausführung  dieses  Systems  gesteckt  sind.  Der
Mangel  des  Systems  liegt  nach  seiner  Ansicht  in  der  mangelhaften
Ausdehnungsfähigkeit.  „Es  ist  nur  möglich  in  Städten,  in  denen
sich  der  Wert  des  Grund  und  Bodens  auf  einer  relativ  geringen
Höhe  gehalten  hat,  deren  Wohnsystem  im  allgemeinen  das  Einfamilienhaus ­
  geblieben  ist.  Aber  auch  dort  kann  es  nicht  ohne
Schwierigkeiten  eingerichtet  werden.  Auf  öffentliche  Kosten  können
Bordellstraßcn  nach  Lage  der  Gesetzgebung  nicht  geschaffen  werden."
Ein  reicher  Besitzer,  dem  alle  Häuser  einer  solchen  Straße  gehören,
und  der  die  Straße  der  Stadt  zur  Verfügung  stellen  wird,  dürfte
mit  der  Laterne  des  Diogenes  gesucht  werden  müssen.  Ein  neuer
Städtegründer  Romulus  müßte  für  die  Bordellstadt  gefunden
werden,  die  Dirnen  werden  aber  dem  Beispiel  des  Remus  folgen  und
über  die  Kasernierungsmauern  der  Bordellstadt  springen.
Nicht  nur  der  Name  Bordellstraße  erinnert  rein  äußerlich  an
das  Bordell,  sondern  auch  das  ganze  Treiben  in  diesen  Straßen  ist
vielfach  auf  das  Bordell  gestimmt.  In  den  Bordellstraßen  brennen
häufig  auch  die  Altäre  eines  entarteten  Liebeskultus,  gerade  wie  in
den  Bordellen.  Lesbische  Liebe  soll  in  Bremen  nach  den  Ausführungen ­
  Dr.  Stachows  „nicht  ganz  selten  getrieben  werden,"  zugestanden ­
  wurde  sie  dem  Dr.  Stachow  in  einem  Falle.  „Ob  die
Ausübung  sexueller  Perversitäten  häufig  ist,  ist  mir  nicht  bekannt.
Daß  fast  in  jeder  Wohnung  eine  Rute,  gelegentlich  auch  Schließeisen
vorhanden  sind,  deutet  darauf  hin."  (Dr.  Stachow.)
In  unseren  Großstädten  hat  vielfach  die  heimliche  Prostitution  den
zehnfachen  Umfang  angenommen  wie  die  polizeilich  reglementierte
Prostitution.  Das  heilige  Köln  zählt  etwa  700  Kontrolldirnen,  aber
Nach  einer  Schätzung  des  Assessors  Claußmann  7000  geheime  Prostituierte. ­
  Die  Zahl  der  unter  sittenpolizeilicher  Kontrolle  stehenden
Mädchen  beträgt  in  Berlin  etwas  über  4000,  die  sich  geheim  aber
gewerbsmäßig  der  Unzucht  hingebenden  Dirnen  werden  auf  40  bis
50  000  berechnet.  Wollten  wir  die  ganze  öffentliche  und  geheime
großstädtische  Prostitution  außerhalb  der  Peripherien  dieser  Großstädte ­
  verlegen,  so  dürften  bald  neue  lärmende  feile  Weiberstädte
mit  einer  Einwyhnerzahl  von  10—40  000  entstehen.  Die  politische
            
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