Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

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Dr.  Rudolf  Leonhard.

zugeschnitten.  Darin  liegt  ja  überhaupt  die  Zukunft  auch  der  kontinentalen ­
  europäischen  Landwirtschaft,  genau  so  wie  die  unserer
Industrie,  die  schon  längst  zur  Erzeugung  von  Qualitätswaren  übergegangen ­
  ist.  Gegenüber  dem  überseeischen  Massenimport  von
Getreide,  Schafwolle  usw.  kann  die  Zukunft  der  europäischen  Landwirtschaft ­
  nur  in  der  Weiterverarbeitung  und  der  Herstellung  von
Qualitätsprodukten  liegen,  denn  hier  kann  sie  ihre  natürliche  Überlegenheit ­
  in  der  Kapitals-  und  Arbeitsverwendung  zur  Geltung
bringen.
England  hat  bereits  mit  Erfolg  diesen  Weg  eingeschlagen  und
namentlich  auf  dem  Gebiete  der  Viehzucht  sich  einen  lohnenden  und
dauernden  Erwerbszweig  in  dem  Export  von  Zuchtvieh  zur  Veredlung ­
  der  Pferde-,  Rinder-  und  Schafherden  in  den  Vereinigten ­
  Staaten,  Argentinien,  Australien  und  dem  Kaplande  geschaffen. ­

Daneben  gewinnen  bei  der  Kaufkraft  des  englischen  Konsumenten
wachsende  Bedeutung  die  Nebenproduktionen,  die  der  Großbetrieb
früher  verächtlich  als  trifles,  Kleinigkeiten,  abtat,  die  aber  doch  hohe
Erträge  abwerfen  können  und  die  eigentliche  Domäne  des  Kleinbetriebes ­
  sind,  wie  z.  B.  die  Erzeugung  von  Geflügel,  Eier,  Gemüse,
Obst,  Beeren  usw.
Nun  wird  häufig  von  fachmännisch-agrarischer  Seite  eingewendet,
diese  Nebengewerbe  könnten  doch  alle  zusammen  nicht  ernstlich  ins
Gewicht  fallen  gegenüber  den  ungeheueren  Verlusten,  die  die  englische ­
  Landwirtschaft  durch  den  Fall  der  Getreidepreise  erlitten  habe.
Man  macht  sich  eben  gar  keine  Vorstellung  davon,  welche  Kaufkraft
Ökonomisch  vorgeschrittener  Konsumenten  wie  die  englischen,  landwirtschaftlichen ­
  Qualitätsprodukten  gegenüber  entfalten  können,  und
welche  ungeheuren  Summen  jährlich  für  Dinge  ins  Ausland  gehen,
die  ebensogut  in  England  selbst  könnten  hergestellt  werden.  Ich
will  ausnahmsweise  einige  Daten  einander  gegenüberstellen,  um  zu
zeigen,  welchen  Inlandsmarkt  die  englische  Landwirtschaft  sich  noch
erobern  kann.
England  importiert  bekanntlich  den  größten  Teil  seines  Weizens
und  Weizenmehles,  etwa  den  Bedarf  von  zehn  Monaten  im  Jahre;
für  diesen  Import  hat  es  jährlich  zu  bezahlen  50  Mill.  £  oder  eine
Milliarde  Mark,  gewiß  eine  ungeheure  Summe.
            
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