428 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
fort; der andere verwertet es für die Einrichtung eines Großbetriebs.
Die Verhältnisse und Einrichtungen liefern nur Möglichkeiten
und Anregungen, und entscheidend ist immer erst, wie die
Personen von ihnen sich anregen lassen und von ihnen Gebrauch
machen. Indessen wir müssen weiter gehen und hervorheben,
daß keine feste Grenze zwischen den Verhältnissen und den Personen
besteht. Die Geschichte der Technik lehrt uns, daß hier
wahrlich Ursache und Wirkung schwer zu scheiden sind. Was ist
das Ursprüngliche oder das Entscheidende: die durch das Bedürfnis
gegebene Anregung oder der zündende Funke des Geistes,
der das Feuer der Erfindung anfacht? Die Geschichte des Kapitals
lehrt uns, daß das durch die emsige Arbeit der Generationen
angesammelte Kapital zwar sehr viel bedeutet, daß jedoch
nicht weniger darauf ankommt, wie die Gemeinjchasten
und die einzelnen Personen es bewahren, es auf sich wirken
lassen und verwerten. Und noch umfassender erschließt sich uns
die Beweglichkeit der Verhältnisse und Einrichtungen, wenn wir
auf die Mächte achten, die hinter ihnen stehen, die sie schaffen.
Von diesen Mächten nennen wir nur die politischen Vorgänge,
in denen der nicht durch bestimmte Formeln festlegbare Faktor
der Persönlichkeit eine maßgebende Rolle spielt. Die Zunftschranken,
die ganze Stadtwirtschaft des Mittelalters stehen in
Beziehungen zu der damaligen Reichspolitik, zu der Schwäche
der Reichsgewalt, die die lokalen Gewalten sich mehr oder weniger
selbst überließ!). Sie haben zwar auch unabhängig davon
eine Existenz, sind aber dadurch mit beeinflußt. Das Aufsteigen
der großen Geldhandelshäuser um die Wende des Mittelalters
zur Neuzeit hängt mit der damaligen fürstlichen Politik zusammen:
die schlechte Finanzverwaltung des tiroler Landesherrn gab
den oberländischen Kaufleuten die erste Gelegenheit, ihre Hand
auf die in jener Zeit so ertragreichen tiroler Bergwerke zu legen
und damit ihr angesammeltes Kapital beträchtlich zu vermehren;
als Bankhaus der spanischen Habsburger dehnten die Fugger
1) Vgl. oben S. 232 ff.