Full text : Die deutsche Wirtschaft

146 Dr. J. W. Reichert:
die Agenten und Komitees, werden nicht das mindeste Positive, d. h.
Produktive in diesem Sinne, leisten. Solange nicht unsere Produktivkraft
 eine die Einfuhr weit übersteigende Ausfuhr zuwege bringt,
können wir uns nur über Wasser halten, solange der Kredit des Auslandes
 fließt, d.h. solange der Kredit sich ständig erhöht, um auch auf
dem Wege neuer Kredite die Schuldenzinsen aus dem alten Kredit zu
bezahlen, Wenn die Londoner Konferenz entsprechend dem Dawes-Vorschlag
 für diese „Atempause‘ nur die Zeit eines Jahres vorgesehen
hat, so liegt darin eine grobe Verkennung der deutschen Wirtschaftskraft
 und der Lage der Weltwirtschaft, Denn so schnell können wir
mit unserem Außenhandel nicht auf einen grünen Zweig kommen. Die
Passivität wird schon wegen des Inlandmangels an Roh- und Nährstoffen
viele Jahre andauern, möglicherweise wegen der Schwächung der
Kaufkraft auch des Auslandes und wegen der handelspolitischen Abschließung
 vieler Länder in absehbarer Zeit überhaupt nicht zu beseitigen
 sein, Deshalb muß heute schon das Ziel unserer Wirtschaft
und Politik die Revision des Londoner Paktes, d.h. eine
weitgehende Herabsetzung der Reparationslasten, sein.
Das andere und nicht minder zu betonende Ziel unserer Wirtschaftspolitik
 muß sein, durch Selbsthilfe den großen Versuch zu
machen, die Stabilisierung der Währung durch eine Stabilisierung
 der ganzen Volkswirtschaft zu festigen. Wie die Fehlbeträge im
Haushalt des Reiches, der Staaten und Kommunen verschwunden sind,
so müssen möglichst die Fehlbeträge in der Außenhandels- und Zahlungsbilanz
 sowie in der inneren Wirtschaftsbilanz beseitigt werden.
Wir dürfen nicht auf die Dauer mehr einführen als ausführen und nicht
dauernd mehr verzehren als schaffen.
Das Ziel unserer Wirtschaftspolitik, die schon zur Erhaltung des
Volkslebens, erst recht aber zur Durchführung der Dawes-Gesetze notwendig
 ist, läßt sich mit einfachen Worten kennzeichnen. Aber die
Wege, die hierzu eingeschlagen werden müssen, sind mannigfach verschlungen
 und denkbar schwierig. Vor allem bedarf es einer neuen
Einstellung unserer Wirtschaftspolitik, die solche Wirtschaftszweige,
die im Inland zu ungünstigeren Bedingungen als im Ausland arbeiten,
erst recht unterstützen muß. Denn sonst ist weder eine Milderung der
Arbeitslosigkeit noch eine Steigerung unserer Produktion zu erreichen,
Deshalb muß auch entschlossen dem gefahrdrohenden Auslandswettbewerb
 Halt geboten werden. Hier helfen keine Freihandelsträume,
hier muß der Zollschutz angewandt werden, mag man diese Mittel Erziehungs-,
 Ausgleichs- oder Schutzzölle nennen. Für zollfreie Einfuhrkontingente,
 wie sie uns das Versailler Diktat auferlegt hat, ist überhaupt
 kein Raum mehr, Für einen unvoreingenommenen Beobachter
            
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