Full text : Die deutsche Wirtschaft

70 Prof. Dr. E. Hornetter:.
so dringend erforderlich ist, kann nur aus den Schicksalen der lebendigen
 wirtschaftlichen Einheiten, der Einzelwerke geschöpit werden, Vom
Einzelnen geht der Weg ins Allgemeine, nicht umgekehrt, Will man
ernstlich, daß das ganze deutsche Volk seine eigene Wirtschaft verstehe
 — und wie soll es freudig und willig wirtschaftlich arbeiten ohne
dieses Verständnis? —, nun, dann muß man auch an die Aufgabe herangehen,
 an die wirtschaftliche Belehrung von innen heraus und von unten
herauf, von dem einzelnen Betriebe aus, an dessen innersten Lebensnerv,
 an dessen wirtschaftlichen Pulsschlag alle mitberufenen Kräfte
herangeführt werden müssen, daß sie diesen wirtschaftlichen Pulsschlag
fühlen lernen. Haben sie das wirtschaftliche Leben und Wesen verstanden,
 so werden sie es zuletzt auch lieben lernen. Man kann nur
lieben, was man begreift, was man kennt. Was einem verschlossen ist,
haßt man, was einem verborgen bleibt, dem widmet man Mißtrauen, dahinter
 wittert man Böses und Arges, Das sind immer gleiche Grundgesetze
 des Menschenlebens.,
Es ist eine Art „geistiger Sozialismus‘, was ich hier fordere, gleichsam
 ein geistiger „Mitbesitz‘‘, eine geistige Mitanteilnahme, die die
Arbeitsgemeinschaft im tieferen Sinne des Wortes ‚erzeugen soll.
Gewinnbeteiligungen irgendwelcher Art, materielle Leistungen und
Opfer werden die innere Vereinigung der Arbeitskräfte niemals vollbringen
 können. Wir sind allesamt Opfer des Marxismus geworden,
haben uns unbewußt alle dem Abgott der Materie gebeugt. Tausendund
 aber tausendmal hat man die sinnlose Rede wiederholt: „Die
soziale Frage ist eine Magenfrage.‘” Das ist der größte Wahn, der je
die Menschen umnebelt hat. Die soziale Frage ist eine geistige
Frage, es ist die Aufgabe geistiger Arbeitsgemeinschaft,
 die Frage eines rechten und gerechten Austausches und der
Verbindung der geistigen Leistungen in der Wirtschaft und für die
Wirtschaft. Geistige Arbeit und Handarbeit sind gewiß verschieden.
Aber die Menschen selbst als Persönlichkeiten sind nicht so verschieden,
 daß sie nur und ausschließlich in das eine oder das andere zu
drängen wären. Gewiß, ihre vorwiegende Arbeit, ihre Hauptleistung
wird hier oder dort zu suchen sein, Aber im ganzen sind die Menschen
nicht aufzuteilen und zu registrieren wie ein Registrierschrank in einem
Büro, Der Mensch ist ein anderes Material als die tote Materie. Er
ist ein spröderer und zugleich auch weicherer Stoff, den man in seiner
bestimmten Art zu behandeln hat, Nur durch Anpassen herrscht man.
Wie der Bildhauer seinen Stoff beherrscht, den Marmor zu bilden weiß
dadurch, daß er sich ihm unterordnet und fügt, die Gesetze dieses
Stoffes rückhaltlos anerkennt und ihm in seiner Art, aus seiner Art heraus
 die Gestalten abrinst, die er in seiner Einbildungskraft trägt, so
            
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