Object : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Gesundheit  der  Arbeiter  mehr  als  aufgewogen.  Hier  greift  die  Konkurrenz
das  kostbarste  aller  Kapitalien  an:  die  Kraft  nämlich  der  Rasse.  Er  weist
nach,  wie  die  Arbeiter  in  Grenoble  für  eine  Tagesarbeit  von  14  Stunden
6  bis  8  Sous 1 )  verdienen,  wie  sechs-  bis  achtjährige  Kinder  in  den  Spinnereien ­
  12  bis  14  Stunden  arbeiten  müssen,  und  zwar  „in  einer  Atmosphäre,
die  mit  Haaren  und  Staub  gefüllt  ist“,  und  wo  sie  an  der  Schwindsucht
sterben,  bevor  sie  20  Jahre  alt  geworden  sind.  Er  kommt  zu  dem  Schlüsse,
daß  „es  zp  teuer  wird,  die  Ausdehnung  des  nationalen  Handels  damit  zu
bezahlen,  daß  eine  unglückliche  und  allen  Leiden  ausgesetzte  Klasse
geboren  wird“,  und  in  jenem  oft  zitierten  Satz  ruft  er  aus:  „Der  Profit
eines  Unternehmers  ist  manchmal  nichts  anderes  als  eine  Beraubung  des
Arbeiters,  den  er  beschäftigt;  er  verdient  nicht,  weil  sein  Unternehmen
mehr  hervorbringt,  als  es  kostei,  sondern  weil  er  dem  Arbeiter  kein  genügendes ­
  Entgelt  für  seine  Arbeit  gewährt.  Eine  solche  Industrie  ist
ein  soziales  Übel“ 2 ).
Wer  kann  sich  der  Richtigkeit  dieses  Gedankens  Sismondi’s  entziehen? ­
  Wenn  der  billige  Preis  der  Produkte  nur  auf  Kosten  einer  beständigen ­
  Verschlechterung  der  Gesundheit  des  Arbeiters  erreicht  werden
kann,  so  ist  es  offenbar,  daß  die  Konkurrenz  mehr  Unheil  stiftet,  als
Gutes  tut.  Es  liegt  nicht  weniger  im  öffentlichen  Interesse,  diese  lebendigen
Güter  zu  schützen,  als  die  Erzeugung  toter  Güter  zu  erleichtern.  Indem
Sismondi  zeigt,  daß  die  Konkurrenz  eine  zweischneidige  Waffe  ist,  hat
er  denen  den  Weg  eröffnet,  die  in  durchaus  richtiger  Weise  vom  Staat
verlangen,  daß  er  der  Konkurrenz  Grenzen  setze  und  sie  regele.
Man  möchte  versucht  sein,  noch  weiter  zu  gehen,  und  in  der  eben
angeführten  Stelle  eine  rückhaltlose  Verurteilung  des  Profits  selbst  zu
sehen.  Das  würde  nichts  weniger  bedeuten,  als  ein  Bekenntnis  Sismondi’s
zu  den  sozialistischen  Lehren.  Man  hat  manchmal  an  ein  solches  Bekenntnis ­
  bei  ihm  geglaubt,  aber  unserer  Meinung  nach  zu  Unrecht.
Ohne  Zweifel  drückt  sich  Sismondi  an  gewissen  Stellen  so  aus,  wie
es  später  Owen,  die  Saint-Simonisten  und  Majr^x  taten.  So  liest  man
z.  B.  in  seinen  Untersuchungen  über  die  Nationalökonomie  Stellen,  wie
die  folgende:  „Man  könnte  fast  sagen,  daß  die  moderne  Gesellschaft  auf
Kosten  des  Proletariats  lebt,  nämlich  von  dem  Teil,  den  sie  ihm  von  dem
Gegenwert  seiner  Arbeit  vorenthält 3 );“  und  an  anderer  Stelle  sagt  er,
daß  „es  eine  Beraubung,  ja  ein  Diebstahl  ist,  den  der  Reiche  am
Armen  verübt,  wenn  der  Reiche  der  fruchtbaren  und  gut  bewirtschafteten
Erde  ein  Einkommen  abzwingt,  das  ihm  gestattet,  im  Überfluß  zu
schwimmen,  während  der  Arbeiter  selbst,  der  dieses  Einkommen  über-*)

  1  sou  =  4  Pfennig  (1913)  (Anm.  d.  Übers.).
2 )  N.  P.,  I,  S.  92.
3 )  fitudes  sur  l’Üconomie  politique,  I,  S.  35.
            
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