Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

69

kann  sich  nimmer  zum  Anwalt  von  staatlichen  Schutzeinrichtungen
für  ausbeutende  Volkselemente  machen.
Die  hohe  Wertung  der  Rechte  der  menschlichen  Persönlichkeit
ist  tief  im  Wesen  des  modernen  Sozialismus  eingewurzelt.
Ferdinand  Lassalle  erhob  seine  flammenden  Anklagen  gegen  die
heutige  Gesellschaft,  weil  sie  den  Arbeiter  zu  einer  Ware  entmenscht
hat.  Der  Sozialismus  ist  der  geborene  Anwalt  aller  unterdrückten,
311  Boden  getretenen  menschlichen  Wesen.  Die  polizeiliche  Reglementation
  der  Prostitution  vernichtet  nun  mit  einem  Schlage  die
fundamentalsten  Menschenrechte.  Es  ist  bezeichnend,  daß  die  Einführung ­
  dieser  Einrichtung  recht  eigentlich  der  Kaserne  entstammt,
und  die  moralische  und  geistige  Atmosphäre  der  Kaserne  haftet  ihr
noch  bis  zur  Stunde  an.  Hekatomben  von  Menschen  opferte  der
despotische  Napoleon  seinen  abenteuerlichen  Welteroberungsplänen;
und  doch  war  dieser  grausame  Spieler  mit  dem  Leben  von  Hunderttausenden
  ängstlich  um  die  geschlechtliche  Gesundheit  seiner  in  den
blutigen  Metzeleien  der  Völkerkriege  verrohten  Soldaten  besorgt.
Gegen  die  Reglementierung  der  Prostitution  setzt  nun  mit  den
siebziger  Jahren  des  verflossenen  Jahrhunderts  eine  mächtige  Volksbewegung ­
  in  der  alten  und  neuen  Welt  ein.
Josephine  Butler,  eine  tief  religiöse,  mit  dem  Opfermut  einer
Märtyrerin  ausgerüstete  Frau,  tritt  in  England  unter  dem  tierischen
Wutgeheul  und  unter  den  brutalen  Stein-  und  Kotwürfen  interessierter ­
  Zuhälter  und  Bordellwirtsbanden  gegen  die  reglementierte
Prostitution  Englands  auf.  Ihrer  kühnen  Initiative  verdankt  die
sogenannte  abolitionistische  Bewegung,  die  Bewegung
zur  Abschaffung  der  Reglementation  der  Prostitution,  ihre  großen
Erfolge.  In  ihrer  Geschichte  eines  „Kreuzzuges"  hat  Josephine
Butler  ihrer  gewaltigen  Lebensarbeit  ein  unvergängliches  Denkmal
gesetzt.
Die  treuen  Krcuzzugsritter  der  unermüdlichen  Kreuzzugsprcdigerin
  waren  meist  englische  Arbeiter.  „Wir  beschlossen,"  so
schreibt  Josephine  E.  Butler  in  ihrer  berühmten  Schrift:  Zur
Geschichte  eines  Kreuzzuges,  „die  Nation  anzurufen.  Schon  im
Herbst  1869  hatten  wir  an  jedes  Parlamentsmitglied  beider  Häuser
und  an  viele  andere  Führer  weltlicher  und  kirchlicher  Parteien
persönlich  geschrieben.  Von  all  den  Antworten,  die  wir  auf  diese
Briefe  erhielten,  äußerten  sich  einige  wenige  völlig  zustimmend.  .  .  .
Da  uns  von  den  Kreisen,  auf  deren  Interesse  an  der  Sache  wir
zunächst  gehofft  hatten,  eine  so  geringe  Ermutigung  zuteil  wurde,
wandten  wir  uns  an  die  Arbeiterbevölkerung  des  Landes.  Hier
■  kam  man  uns  ganz  anders  entgegen.  Ich  bin  mir  wohl  bewußt,
daß  die  arbeitenden  Klassen  ihre  Fehler  haben  und  ebensowenig  wie
andere  Volksschichten  frei  von  Egoismus  sind;  aber  die  Ueberzeugung
steht  bei  mir  unerschütterlich  fest,  daß  das  Volk,  sobald  es  im  Namen
der  Gerechtigkeit  angerufen  Ivird,  fast  immer  eine  loyale  und  zuverlässige ­
  Gesinnung  beweist,"
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.