Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung, 263 
Voraussetzung wesentliche Bedeutung bekommt, dann ist dies ein 
Beweis dafür, daß die Preistheorie künstlich ist, und man kann sicher 
sein, daß sie bei aller formellen Richtigkeit das innerste Wesen der 
Sache doch nicht erfaßt. 
Die klassische Preisbildungstheorie hat sich ihre Aufgabe dadurch wesentlich 
vereinfacht, daß sie ihre ganze Untersuchung sozusagen auf die Grenze des Anbaus, 
wo keine Rente bezahlt wird, verlegte. Ein solcher Kunstgriff, der uns erlaubt, die 
Bodenrente vollständig aus dem Problem auszuschalten, bietet natürlich gewisse 
Vorteile, wenn man ein spezielles Studium der Relationen zwischen Kapitalzins und 
Arbeitslohn vornehmen will, und Ricardo hat auch, wie wir im nächsten Kapitel 
sehen werden, seine für die spätere Entwicklung des ökonomischen Denkens so be- 
deutungsvollen Ergebnisse auf diesem Wege gewonnen. Will man nun diese klassische 
Preisbildungstheorie vervollkommnen und in organische Verbindung mit unserer Auf- 
fassung des Preisbildungsprozesses bringen, so hat man nur die Preisbildung auf die 
gegebenen Faktoren des Problems, also auf die Beschaffenheit der Nachfrage, die 
technischen Koeffizienten der Produktion und die Versorgung der Tauschwirtschaft 
mit Boden, Kapital und Arbeit zurückzuführen. Man kann, wenn wir immer noch 
an der Voraussetzung, daß nur ein Produkt auf dem Boden erzeugt wird, festhalten, 
den Preis dieses Produkts und die Preise der Kapital- und Arbeitsnutzungen als die 
Unbekannten des Problems wählen. Für jedes Stück Boden ist dann bestimmt, wie- 
viel Kapital und Arbeit auf demselben wirtschaftlicherweise verwendet werden und 
damit auch eine wie große Produktmenge auf demselben erzeugt werden kann. Also 
ist auch die gesamte Produktmenge bestimmt. Diese muß mit der Nachfrage beim 
gegebenen Preis übereinstimmen. Damit ist eine Gleichung gegeben, die den Pro- 
duktenpreis in Kapital- und Arbeitskosten ausdrückt, wonach nicht nur der Aufwand 
von Kapital und Arbeit, die in Anspruch genommene Bodenmenge, somit auch die 
„Anbaugrenze‘“‘, und die Produktmenge sowohl auf jedem Bodenstück wie insgesamt, 
sondern auch die Rente jedes Bodens bestimmt sind. Man findet also, daß alle Un- 
bekannten des Problems gleichzeitig durch die gegebenen Faktoren bestimmt werden 
und daß in dieser Hinsicht keine Rangordnung besteht. Denn welche von den Un- 
bekannten man zuerst berech net, ist wohl doch eine rein formelle, von der will- 
kürlichen Aufstellung der Lösung des Problems abhängige Frage, der man offenbar 
keine reale Bedeutung zuschreiben darf. 
Vielleicht kommt man dem Gedankengang der klassischen Theorie noch näher, 
wenn man nebst den Kapital- und Arbeitspreisen die Lage der Anbaugrenze als Un- 
bekannte des Problems wählt. Dann kann man bei der Lösung des Problems davon 
ausgehen, daß man weiß, welcher Boden auf der Grenze des Anbaus steht und wo 
also das Produkt keine Bodenrente zahlt. Der Produktenpreis ist dann gleich den 
Kapital- und Arbeitskosten, die auf diesem Boden pro Einheit des Produkts geopfert 
werden müssen, und die im arithmetischen Sinne als die Unbekannte. des Problems 
gelten können. Ist der Produktenpreis bekannt, so kann man die Ausdehnung der 
Produktion auf jedem Bodenstück berechnen. Damit ist wieder die Gesamtmenge 
der Produktion bekannt und man erhält eine Gleichung zwischen dieser Menge und 
der Nachfrage bei dem berechneten Produktenpreis, welche die Unbekannte — die 
Kapital- und Arbeitskosten auf dem nicht-rententragenden Boden — bestimmt; 
wonach die übrigen Unbekannten des ‚Problems berechnet werden können. Man 
findet, daß der berühmte Satz, daß der Preis des Produkts gleich den Produktions- 
kosten auf der Anbaugrenze ist, wohl eine notwendige Übereinstimmung, keineswegs 
aber eine Erklärung der Preisbildung enthält. Im Preisbildungsproblem sind eben 
diese beiden Faktoren Vollständig gleichgestellte Unbekannte, die erst gleichzeitig 
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