264 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
und zusammen mit allen den übrigen Unbekannten des Problems von den gegebenen
Faktoren desselben bestimmt werden können.
Ricardos Satz, daß der Getreidepreis nicht hoch steht, weil eine Bodenrente
bezahlt wird, sondern eine Bodenrente bezahlt wird, weil der Getreidepreis hoch steht,
ist nach dem Gesagten ebenso falsch wie jeder Versuch; die verschiedenen Preise des
Preisbildungsprozesses in eine Folge von Ursachen und Wirkungen zu ordnen. Der
eben zitierte Satz, daß der Produktenpreis gleich den Grenzproduktionskosten ist,
also gleich den Kapital- und Arbeitskosten auf dem Boden, wo keine Rente gezahlt
wird, hat auch keinen logischen Vorzug vor dem Satz, daß der Produktenpreis gleich
den Produktionskosten, inklusive Rente, auf irgendeinem bestimmten rententragen-
den Boden ist. In dem einen Falle ist es unbekannt, welches der Boden ist, der keine ı
Rente liefert, in dem anderen Falle, wie hoch die Rente des ausgewählten Bodens ist.
Von einem gewissen Gesichtspunkt ist es sogar natürlicher, die Rente eines be-
stimmten Bodens als Unbekannte des Problems zu wählen. Dann ist der Aufwand
von Kapital und Arbeit auf diesem Boden nach dem Substitutionsprinzip bestimmt,
folglich auch die gesamten Produktionskosten und der Produktenpreis, wonach die
Lösung des Problems in der gewöhnlichen Weise erfolgt und die Bodenrente des be-
treffenden Bodens und dadurch alle die Unbekannten des Problems bestimmt werden.
In diesem Falle baut also die Lösung direkt auf den Satz, daß der Produkte npreis
gleich den Produktionskosten (inklusive Rente) auf dem rententragenden Boden ist,
ganz wie sie in jenem auf die Übereinstimmung des Produktpreises mit den Pro-
duktionskosten auf dem nicht rententragenden Boden baut. Es geht hieraus mit
völliger Klarheit hervor, daß die klassische, besonders von Marshall betonte Auf-
fassung der Rentenbildung als eines sekundären Vorganges abseits des eigentlichen
Preisbildungsprozesses, der Rente als ganz und gar Wirkung, nur in einer willkür-
lichen formellen Aufstellung des Preisbildungsproblems, nicht in der Natur der Sache
begründet ist?).
Nähern wir uns nunmehr der Wirklichkeit noch einen Schritt,
indem wir die Tatsache in Betracht ziehen, daß die Landwirtschaft auf
demselben Boden mehrere verschiedene Produkte erzeugen kann! Der
schlechteste Boden, auf welchem Weizen gebaut wird, trägt noch eine
Rente, denn dieser Boden kann immer noch für andere Kulturen, z. B.
zum Kartoffelbau, verwendet werden. Die klassische Theorie hat dieses
Verhältnis niemals in befriedigender Weise erklären können. Ganz
gewiß kann der Satz, daß die Bodenrente keinen Teil des Produktpreises
bildet, auch für diesen Fall formell aufrechterhalten werden. Wir
brauchen dafür nur vorauszusetzen, daß der Aufwand von Kapital und
Arbeit im Weizenbau in Übereinstimmung mit dem Substitutionsprinzip
bis an die Grenze des lohnenden getrieben wird. Daß aber eine Theorie,
die sich in dieser Weise auf der Grenze des Anbaus bewegt, einen
wesentlichen Teil des realen Inhalts des Preisbildungsproblems ver-
lieren muß, zeigt sich hier besonders deutlich. Die wirtschaftliche Be-
deutung einer Preisbildung der Produktionsfaktoren tritt nämlich am
klarsten in der dadurch gewonnenen gleichförmigen Regulierung der
Nachfrage nach den verschiedenen Produkten, die mit Hilfe dieser
Produktionsfaktoren hergestellt werden können, und in der dadurch be-
ı) Vgl. Note p. 259.