Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 36. Die Nachfrage nach Arbeit, 3 
Arbeit objektiv, technisch zu berechnen, sind schon oben ($ 34) kritisch 
behandelt worden. 
Das Prinzip der Knappheit macht es klar, daß der wesentliche 
Grund zu einem besonders niedrigen Arbeitslohn in erster Linie in einem 
relativen Überfluß von Arbeitskraft der betreffenden Art und Qualität 
zu suchen ist, daß mit anderen Worten eine Beschränkung des Angebots 
im allgemeinen die erste Voraussetzung für eine Besserung der Lage 
ist. Wenn der Bedarf der Konsumtion nach einer gewissen Arbeit bis zu 
einem bestimmten Grade befriedigt ist, kann meistens für mehr Arbeit 
derselben Art nur dadurch Platz in der Konsumtion bereitet werden, 
daß der Preis der Arbeit beträchtlich herabgesetzt wird. Dies ist nur ein 
Zeichen dafür, daß die Nachfrage eine begrenzte Elastizität besitzt. 
Die Akzeptierung eines abnorm niedrigen Lohns ist ein verzweifelter 
Ausweg, um durchaus Beschäftigung für eine Menge von Arbeit der 
betreifenden Art hervorzubringen, für welche bei normaler Lohnhöhe 
kein genügender Platz vorhanden sein würde. Jeder Versuch, die Lage 
solcher Arbeit zu heben, der nicht von einer klaren Erkenntnis dieser 
Natur des Problems ausgeht, muß von vornherein als verfehlt be- 
zeichnet werden. Jede Hilfe, die den Charakter einer Aufbesserung 
des Arbeitslohns hat, kann offenbar nur die Überfüllung des Berufs 
mit Arbeitskraft vergrößern und chronisch machen. 
Anderseits können natürlich auch besonders hohe Lohnansprüche 
die Nachfrage nach einer spezifischen Arbeit und damit auch den Um- 
fang der Beschäftigung für dieselbe abnorm beschränken. Für die 
Arbeit wird im ganzen die vorteilhafteste Lage erreicht, wenn das An- 
gebot von Arbeitskraft sich möglichst treu der Nachfrage anpaßt, wenn 
also die Preise der verschiedenen Arten von Arbeit nur Ausdrücke für 
die unvermeidliche, natürliche Knappheit derselben sind. 
Setzt man eine solche Anpassung voraus, so ist der „Wert‘“ der 
Arbeit außer von dieser natürlichen Knappheit wesentlich von der Be- 
schaffenheit der Nachfrage bestimmt. Besonders bilden natürlich die 
Veränderungen in den Gewohnheiten, dem Geschmack und der Kauf- 
kraft der Konsumenten selbständige Elemente in der Gestaltung der 
Nachfrage, die einen bedeutenden und zuweilen — wenn sich das An- 
gebot diesen Veränderungen nicht oder nicht schnell genug anpassen 
kann — einen verhängnisvollen Einfluß auf die Marktlage für spezielle 
Arten von Arbeit ausüben können. 
Auch für den Produktionsfaktor Arbeit im allgemeinen kann sich 
die Nachfrage mehr oder weniger günstig gestalten. Erstens kann die 
Nachfrage der Tauschwirtschaft mehr direkt auf Arbeit oder mehr auf 
Produkte, bei deren Herstellung andere Produktionsfaktoren in be- 
trächtlichem Grade mitwirken, gerichtet sein. Die Nachfrage der 
reicheren Klassen ist vielfach in besonderem Grade direkt auf persön- 
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