Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem. 579 
wirtschaftlichen Interessengemeinschaft. Der Grad und die spezifische 
Art der Ausbildung dieser Auffassung hat tatsächlich einen wesent- 
lichen Einfluß auf die Stellungnahme der Nationen zu den verschiedenen 
Fragen, die mit dem internationalen Handel zusammenhängen. 
Wie ist nun diese Auffassung der Nationen als selbständiger wirt- 
schaftlicher Interessengemeinschaften entstanden? In ihrer modernen 
Form ist diese Auffassung nicht alt, geht nur auf die Zeit der Ent- 
stehung des Nationalstaates zurück. Ein gesellschaftliches Gemein- 
samkeitsinteresse im Handel hat sich aber schon früher ausgebildet, 
Als Träger eines solchen vorstaatlichen Gemeinsamkeitsinteresses sind 
— wenn wir nur die hauptsächlichen Typen in Betracht ziehen wollen — 
die mittelalterliche Handwerkstadt, die zusammen mit ihrer nächsten 
Umgebung ein wesentlich selbstversorgendes Gebiet bildete, und die 
Handelsstadt, die den Handel berufsmäßig betrieb, zu nennen. 
Die Handwerksstadt hatte vor allem das gemeinsame wirtschaft- 
liche Interesse der Sicherung einer regelmäßigen und genügenden Zu- 
fuhr von Lebensmitteln und sonstigen landwirtschaftlichen Produkten. 
Dies konnte bei den damaligen schlechten Transportmöglichkeiten nur 
erreicht werden durch Beherrschung des umliegenden platten Landes 
und Verpflichtung desselben zum Verkauf seiner Produkte an die Stadt. 
In dieser Weise wurde gewissermaßen ein selbstversorgendes Gebiet 
geschaffen, das aber in zwei deutlich erkennbare Interessengebiete zer- 
fiel, die Stadt und das platte Land. Das Interesse der Stadt ging nun 
darauf hinaus, ihre Bürger möglichst billig zu versorgen und ihnen 
gleichzeitig einen Absatz ihrer Produkte zu sichern. Auch wenn die 
Stadt mit der Außenwelt in Verbindung trat, waren diese beiden Ge- 
sichtspunkte bestimmend für ihre Handelspolitik. Um eine vollstän- 
digere und billigere Versorgung zu erreichen, konnte die Stadt fremde 
Handwerker einberufen, oder auch, gewöhnlich bei besonderen Ge- 
legenheiten, die Einfuhr fremder Produkte zulassen. Dabei kam natür- 
lich das Bestreben, den Bürgern als Konsumenten die möglichst billige 
Versorgung zu sichern, leicht in Widerspruch mit dem Bestreben, den- 
selben Bürgern als Produzenten einen von fremder Konkurrenz un- 
gestörten Absatz zu bereiten. Die städtische Handelspolitik hat des- 
halb zwischen einer Konsumentenpolitik mit billiger Versorgung als 
Augenmerk und einer Produzentenpolitik mit Schutz der einheimischen 
Produkten als Ziel geschwankt. 
In der Handelsstadt treten wohl auch diese beiden teilweise ent- 
gegengesetzten Bestrebungen als Elemente der Handelspolitik hervor, 
da kommt aber ein weiteres Bestreben hinzu, das für die Politik der 
Handelsstadt ausschlaggebend wird. Dieses Bestreben ist die Förde- 
rung des berufsmäßigen Handels, also der von den Bürgern der Stadt 
betriebenen Warenvermittlung zwischen fremden Plätzen oder Völkern. 
Unter den damaligen politischen Verhältnissen konnte dies nur ge- 
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