Chadli Ben Mustapha. 103
nommen, die Beduinen auszupressen, um wahrnehmen zu können, daß sie
in Wirklichkeit nur die Knechte der Zivilkontrolleure sind.
Außer dieser Regierung hat man Tunis eine karikaturhafte Vertretung
gewährt. Im Großen Rat bilden 18 Tunesier die Vertretung von 2 200 000
Eingeborenen, während 44 Franzosen von 54000 ihrer Landsleute abdelegiert
werden. Dieser Große Rat, der beschränkte Budgetbefugnisse hat,
umfaßt also inmitten einer Majorität erwählter Franzosen auch einige
Tunesier, die von der Regierung ernannt oder von ihr aus einer bestimmten
Bevölkerungskategorie zur Wahl vorgeschrieben wurden.
In den Verwaltungsämtern werden auch jene Dekretentwürfe geschmiedet,
denen die Unterschrift des Herrschers Gesetzeskraft leiht.
Die Häupter dieser Verwaltung, die legislative und exekutive Gewalt besitzen,
sind zwiefach jeder Verantwortung entzogen. Als Franzosen sind sie
der tunesischen Regierung keine Verantwortung schuldig, als Beamte der
tunesischen Regierung schulden sie dem Mutterlande keine Verantwortung.
Im Bewußtsein seiner numerischen Schwäche gegenüber einem Imperialismus,
der auf tunesischem Boden festen Fuß gefaßt hat, und gegenüber
dem italienischen Imperialismus, der wie eine Drohung am Horizont
auftaucht, hat das tunesische Volk einen Kompromiß mit dem französischen
Imperialismus angestrebt und mehrere Deputationen nach Paris gesandt, um
Reformen zu fördern. Nach vagen Versprechungen hat sich die französische
Regierung entschlossen, allen tunesischen Ansprüchen das Tor zu verriegeln.
Heute weiß das tunesische Volk, daß es nicht mehr auf den vorgeblichen
Liberalismus der Regierung einer Republik zu rechnen hat, welche die
Trennung von Staat und Kirche vor aller Welt verkündete, vor den Toren der
arabischen Stadt aber das Standbild des Kardinals Lavigerie errichtete, sodaß
man diese Stadt, wenn man sich ihr nähert, hinter dem Kreuze, das jener
Bischof gen Himmel hebt, wie gekreuzigt erblicken kann.
Das tunesische Volk teilt mit tiefer Freude seine Teilnahme und rückhaltlose
Zustimmung zu diesem Kongreß mit und ist fest entschlossen, für
seine unantastbare Unabhängigkeit zu kämpfen, indem es sich allen unterdrückten
Völkern der Welt anschließt.
Zum Schluß bringe ich den Gruß der Opfer der tunesischen Unterdrückung
an alle Opfer der Tyrannengewalt in der ganzen Welt, die in Gefängnissen
schmachten oder andere Strafen erdulden. Ich schlage dem Kongreß
vor, für alle diese Opfer sofortige bedingungslose Amnestie zu verlangen.
Gleicherweise begrüße ich die Arbeiter und Bauern Frankreichs und aller
Länder der Erde, die stets bereit sind, die Freiheitsbestrebungen durch ihre
Mithilfe zu unterstützen, in der Gewißheit, daß sie so dem Imperialismus
Boden abringen und an ihrer eigenen Befreiung arbeiten.