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Einleitung.
sei — so ergab sich ihm hieraus, dass für den Bestand der Wissen-
schaft der Erscheinungen dieses Nicht-Sein nicht minder
notwendig und nicht minder unentbehrlich sei, wie jenes angeb-
lich ausschliessliche „Sein“.1”) So ist es eben die Zergliederung des
{nhalts und der Aufgabe der Erfahrungswissenschaft, so ist es die
begriffliche Kraft dieser Analyse, die uns nötigt, dem Sinnen-
schein entgegen das Leere zu setzen und zuzulassen. Was in dieser
Analyse als nicht weiter zerlegbares, ursprüngliches Grundmoment
beharrt, das hat damit sein Recht erwiesen, gleichviel ob es sich
in einer gegenständlichen Anschauung beglaubigen und vor
das Bewusstsein hinstellen lässt, oder nicht. Mi 14.4\hov tö dev A To
inöev: das „Ichts“ hat keinen festeren Halt und keinen tiefer gegrün-
deten Anspruch als das Nichts.!®) Das war die innere Zweideutig-
keit in dem Parmenideischen Satze der Identität von Denken
und Sein, dass er auf der einen Seite zwar den Gedanken als ober-
sten,unabhängigen Maasstab proklamierte, auf der andern indes nur
solche Begriffsinhalte anerkannte, die in einem „Sein“, in einem
substantiellen Einzelinhalt, ihre Darstellung und ihre Ausprägung
besassen. Nunmehr verkehrte sich das Verhältnis in sein Gegen-
teil: das Sein ward als der Abschluss und als der notwendige Halt
des Denkens, das sonst ohne feste Bindung bliebe, gefordert. „Denn
nicht ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet,
kannst Du das Denken treffen, da es ja Nichts ausserhalb des Sei-
enden gibt, noch geben wird.“1%) Dieses unlösliche Haften der
reinen „Aussage“ an dem Dasein, auf das sie sich bezieht, bildet
sbensowohl ihre Bestimmung, wie ihre Schranke. Wahrheit
denken wir nunmehr nur insoweit, als wir — Dingliches den-
ken. Indem Demokrit die inneren Mängel dieses Wahrheits -
begriffs kritisch aufdeckt, begründet er darin zugleich die sach-
liche Notwendigkeit der Atome und des Leeren, als der beiden
Grundgestaltungen, aus denen die empirische Wirklichkeit sich
aufbaut. Es ist vergeblich, wenn empiristisch gesinnte Geschicht-
schreiber sich bemühen, diesen inneren logischen Zusammen-
hang, der zwischen der Atomistik und der Eleatischen Lehre be-
steht, zu lockern, weil es ihnen anstössig ist, dass ein System, das
völlig auf das „reine Denken“ gestellt ist, der Ausgangspunkt einer
Lehre geworden sein soll, die das eigentliche Fundament der ex-
akten Erfahrungswissenschaft bildet.?) Nicht dureh ein Nach-