438 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. I. Weltwirtschaft.
Man hat dieser Macht einen eigenen Namen gegeben: Konjunktur. Die Kon
junktur ist der Inbegriff aller volks- und weltwirtschaftlichen Beziehungen. Das
Wort ist ein zusammenfassender Ausdruck für das unendlich vielgestaltige, freundliche
oder feindliche, harmonische oder disharmonische Auseinanderwirken der zahllosen wirt
schaftlichen Einzelkräfte.
Die volkswirtschaftliche Wissenschaft hat die Aufgabe, das Zusammenwirken
dieser Kräfte darzustellen und zu erklären. Hierzu bedarf es vor allem einer Schär
fung des Blickes zur Erkenntnis der unendlichen Fülle von Beziehungen, die den
einzelnen Wirtschaftsbetrieb, auch den kleinsten und bescheidensten, in der modernen
Welt mit Millionen anderer Wirtschaftsbetriebe verbinden.
Jeder Gewerbetreibende sieht leicht ein, daß sein Betrieb abhängig ist von den
Lieferanten der Rohmaterialien, von den Fabrikanten der Werkzeuge und Maschinen,
von der Lage des Geldmarktes, von den Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkte, von
der Kaufkraft der Konsumenten, von der auswärtigen Handelspolitik, von der Steuer
politik des Staates und der Gemeinden usw. Aber die wenigsten können sich vor
stellen, wie unendlich weit die Abhängigkeit tatsächlich reicht. Und doch genügt eine
einfache Überlegung zur Erkenntnis, daß bereits bei der Ermöglichung des Konsums
der gewöhnlichsten Gegenstände Millionen von Menschen mitwirken. Wie viele
Menschen haben zusammengewirkt, um mir den Rock, den ich trage, zu verschaffen?
Das Rohmaterial, die Wolle, stammt aus Südafrika oder Australien; für mich hat
dort der Schafzüchter gearbeitet, aber nicht er allein, sondern in Verbindung mit
anderen Menschen, die ihn mit Lebensmitteln aller Art, sowie mit Werkzeugen ver
sahen. Für mich hat der Ozeandampfer die Wolle nach Europa gebracht. Welche
unübersehbaren Scharen von Menschen haben Arbeit geleistet, um diese Fahrt über
das Meer zu ermöglichen, die Hersteller des Dampfers, die Lieferanten der Roh- und
Hilfsstoffe, der Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände, die Seeleute, die Reeder,
die Männer der Wissenschaft! Weitere ebenso unzählbare Scharen geben dann der
Wolle Gelegenheit, ihren Weg auf Eisenbahnen und Landstraßen aus den Lager
häusern durch Spinnerei, Weberei und Färberei zum Schneider zu nehmen, der mir
endlich, auf die Arbeit der Lieferanten von Lebensmitteln, Hilfsstoffen und Werk
zeugen gestützt, den fertigen Rock liefert. Mitgewirkt hat bei der Herstellung des
Rockes auch der Staat mit seinen mannigfachen Einrichtungen, Polizei, Gericht,
Schule, Heer usw., indem er für die zur Produktion notwendige Sicherheit und
Schulung sorgte. Wohin wir den Blick auch wenden mögen, überall begegnen wir
demselben wundervollen Zusammenarbeiten von Millionen, die sich doch untereinander
nur zum geringsten Teile kennen. Die nationale und internationale Arbeitsteilung
ist die Grundlage des Weltverkehrs und der Weltwirtschaft.
Nicht immer war das wirtschaftliche Leben so überaus verwickelt. Es hat
Zeiten gegeben, in denen es sehr einfach verlief. Da wurde z. B. der Rock, bei
dessen Herstellung jetzt jene unzählbaren Menschenmengen mitwirken, vollständig im
eigenen Wirtschaftsbetriebe hergestellt. Man züchtete die Schafe selbst, entnahm ihnen
die Wolle, spann, webte, färbte, schnitt und nähte, alles im eigenen Wirtschafts
bötriebe. Später nahm man, teilweise schon sehr früh, wenigstens zur Erlangung
der notwendigsten Werkzeuge, die Mitwirkung Außenstehender in Anspruch. Die
Arbeitsteilung, deren großer Nutzen bald offenbar wurde, wurde darauf allmählich
in steigendem Maße ausgebildet. Immer mehr besondere Gewerbe kamen auf.
Immer größer wurde der Kreis der Personen, die bei der Herstellung von Gebrauchs
gegenständen zusammenwirkten. Entsprechend dieser Verschiedenartigkeit des Wirt
schaftslebens zu verschiedenen Zeiten unterscheidet die Wissenschaft eine Reihe von
„Wirtschaftsstufen". Die Benennung ist nicht immer einheitlich; die Namen er
klären sich in diesem Zusammenhange selbst. Man unterscheidet die Stufen der „ge-