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Politische Verhältnisse
artige Beschwerden dort überaus zahlreich sind, devolviertderweitaus
größte Teil der Verwaltung an die Minister. Die Zentralstellen
Hypertrophieren, während die Lotalverwaltung nahezu ohne Wir
kungskreis bleibt. Andererseits fällt der unter dem parlamentarischer!
Drucke stehende Minister seine Entscheidungen meist nicht nach der
Gerechtigkeit der gestellten Forderung, sondern nach dem Maße des
Einflusses des Beschwerdeführers. Ist dieser halbwegs ausreichend,
so erfolgt die Entscheidung, in der Regel telegraphisch, ohne weitere
Erhebungen zugunsten des Beschwerdeführers und hat in der
Mehrzahl der Fälle die Enthebung desselben von einer ihm durch
das Gesetz auferlegten unbequemen Pflicht zum Gegenstände.
Die Folge der fortgesetzten Anwendung dieses Systems ist die Tat
sache, daß in Rumänien die Mehrzahl selbst der bestgemeinten Ver
waltungsgesetze den Mächtigen gegenüber auf dem Papiere bleibt
und nicht durchgeführt wird. Mit um so größerer Rücksichtslosigkeit
werden sie den Schwachen gegenüber angewendet.
Ward schon durch das geschilderte System, welches die Verwal
tung dem parlamentarischen Einflüsse ausliefert und planmäßig zur
Außerachtlassung der Gesetze erzieht, der Verwaltungsapparat un
günstig beeinflußt, so wuchsen die Adelstände ins Grenzenlose durch
die in Rumänien bestandene Übung, daß mit dem Wechsel der Re
gierung auch das Personal der Verwaltung wechselt. Zwar wurde
in der letzten Zeit von dieser Übung abgegangen; doch kann sie
mangels eines gesetzlichen Verbotes jederzeit wieder aufgenommen
werden. Die Angestellten sahen sich daher stets der Gefahr gegen
über, über Nacht stellen- und daher brotlos zu werden. Begreif
licherweise suchten sie die Dauer ihres aktiven Dienstes dazu zu be
nützen, um sich für die Zeit der Stellenlosigkeit zu sichern, und miß
brauchten ihre Amtsgewalt zu ihrer persönlichen Bereicherung. Die
Bestechlichkeit in der rumänischen Verwaltung ist weit verbreitet
und reicht aus dem Kreise der Finanz- und Zollbeamten hinaus
durch die Präfekten bis selbst zu den Ministern hinauf.
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß in Rumänien
die ganze Welt über die schlechte Verwaltung klagt. Ihre Reform
ist stets die Parole der Opposition. Zur Regierung gelangt, hütet
sie sich aber wohlweislich, dieses Programm durchzuführen, weil
sie, solange sie an der Macht ist, von den Mängeln der Verwaltung
für ihre Partei Vorteile zieht. Verliert sie endlich die Macht, dann
wiederholt sich dasselbe Spiel auf der Gegenleite. Statt besser zu
werden, wird die Verwaltung immer schlechter. Seit dem Beginne des
Weltkrieges aber hat sie den Gipfelpunkt der Korruption erstiegen.*)
*) Vgl. N. Onciul, !. c. S. 23 ff.