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Die große Bedeutung der ökonomischen Kenntnisse für
die Erkenntnis der Wirklichkeit einerseits und für die Vor-
bildung des Beamtentums andererseits mußte jedoch der
unakademischen Pflege ein Ende bereiten.
Es ist insbesondere das Verdienst Hallenser Gelehrter
wie Thomasius und Ludewig, den Ruf nach hochschul-
mäßiger Pflege und schließlich nach eigenen ökonomischen
Professuren eindringlichst erhoben zu haben, und es ist das
Verdienst des in wirtschaftlichen Dingen so hellhörigen
Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I., diesem Rufe Folge
geleistet zu haben.
Am 14. Juli 1727 ergeht das Edikt über die Begrün-
dung einer Professur für Oekonomie, Polizey und Kameral-
sachen an der Universität Halle, die durch Simon Peter
Gasser, der ursprünglich Jurist war, besetzt wird.
Bald darauf wird die zweite Professur an der Univer-
sität Frankfurt a. d. O. geschaffen und mit dem ursprüng-
lichen Historiker Dithmar besetzt.
Von nun an sind die Kameralien akademisches Lehr-
fach, das zum Teil an den Universitäten, zum Teil an be-
sonderen Kameralhochschulen beheimatet ist, wobei der
Streit, was das Bessere sei, alsbald entbrannte.
Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang noch
die später mit Heidelberg vereinigte Kurpfälzische Kameral-
hochschule in Kaiserslautern, von der aus Joh. Hch. Jung, der
kein anderer als Jung-Stilling war, seine Laufbahn als
Kameralprofessor begann. Jung-Stilling ist somit als der
Vorläufer des Organisators der späteren deutschen national-
ökonomischen Wissenschaften, des Heidelbergers Karl Hein-
rich Rau, zu betrachten.
HN.
Nach diesen Feststellungen des äußeren Verlaufes ha-
ben wir uns der Betrachtung des eigentlichen Inhaltes der
Kameralwissenschaften zuzuwenden.
Der Fragenkomplex, der auf Grund der merkantilisti-
schen Einstellung zu bearbeiten war, löste sich zunächst