Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 61 
Form kaufmännischer Association entwickelte sich von der Schei— 
dung des Familien- und des Geschäftsvermögens her. Wie sich 
in den landesherrlichen Familien des 15. Jahrhunderts die 
Tendenz des Erstgeburtrechts geltend machte, um einer Zer— 
splitterung der erworbenen Territorien vorzubeugen, so mußte 
erst recht jede kaufmännische Familie von dem Drang beherrscht 
sein, den Zusammenhang des einmal Errungenen über die 
Person des Erringenden hinaus zu wahren, denn nur in seinem 
Zusammenhang war das einmal angelegte Kapital wahrhaft 
wirksam. Hierzu bedurfte es nun nicht der Begründung eines 
Erstgeburtsrechts mit Ausschluß der übrigen Erben. Das Geschäft 
trug in sich die Kraft der Erweiterung, und bald waren mehrere 
Kräfte nötig, es sicher zu leiten. So empfahl sich die im deutschen 
Rechte für ländliche Verhältnisse von alters her entwickelte 
Form der Ganerbschaft, des vollen Eintritts aller Erben in 
den ungeteilten Nachlaß und des Fortbetriebes des alten Ge— 
schäftes zu gesamter Hand. Indem diese Form gewählt ward 
und für große Unternehmen Nachahmung fand, auch ohne daß 
die zusammentretenden Teilhaber Erben und Verwandte gewesen 
wären, entwickelte sich die offene Handelsgesellschaft; schon in 
den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts ist sie gebräuchlich. 
In den neuen Handelsgesellschaften wirkte nunmehr das 
Kapital mächtig ein auf den Fortschritt der materiellen Kultur, 
um so mehr, als sich neben Kaufleuten anfangs auch Edelleute 
vom Lande an den neuen Associationen beteiligten. Und die 
Gewinne, die gemacht wurden, waren außerordentlich; schätzt 
doch ein erfahrener Beurteiler um das Jahr 1488 den legitimen 
Gewinn kaufmännischen Kapitals auf jährlich 480 bis 4500/0 
bei hundert werbenden Tagen. So begreift es sich, daß jetzt 
überall große Gesellschaften aufstehen, die „jusammen spannent 
und treiben groß Kaufmannschatz“. 
Und bald ging man von einfachen kaufmännischen Geschäften 
zur Ringbildung über. Kaufherren fuhren schon in den ersten Jahr⸗ 
zehnten des 15. Jahrhunderts zu den südlichen Importhäfen, etwa 
gen Venedig. Am fremden Ort kauften sie dann ausländische 
Waren, Goldbrokate, Sammete, Seiden, Gewürze: Ingwer,
	        
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