Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

AUT ILATTAEN 
158 Die Erneuerung der Natur und Geschichtsansicht, 
abgesehen von der Metaphysik, vor allem den historischen Ur- 
teilen zu, die Aristoteles über seine Vorgänger gefällt und sucht 
sie in eindringender objektiver Analyse zu widerlegen. Der Ge- 
winn dieses Verfahrens fällt vor allem Demokrit zu, dessen 
Philosophie hier zum ersten Male nach ihrem wahren rationalen 
Grundcharakter erkannt und geschätzt wird. Die Unklarheit der 
traditionellen Ansicht, die Demokrit mit Epikur, die den Vertreter 
und den Verkünder des „reinen Denkens“ mit dem Schöpfer der 
sensualistischen Erkenntnislehre zusammenwirft, wird mit Sicher- 
heit beseitigt. Unwahr, ja verleumderisch wird das Aristotelische 
Urteil über Demokrit genannt, dass er Sinn und Vernunft nicht 
gehörig geschieden habe: da doch seine Entgegensetzung der 
yynoin und sxotin {vopn, welch letzterer er das gesamte Gebiet der 
Sinnestätigkeit zurechnet, das Gegenteil klar beweise. Nicht minder 
verwunderlich sei es, wenn ihm wegen der Kritik, die er an 
der Wahrnehmung geübt, skeptische Ansichten untergeschoben 
werden, während er in Wahrheit die Verstandeserkenntnis 
stets als echt und rechtmässig anerkannt und auch den Sinnen, 
die er als Zeugen für das unbedingte Sein verwarf, ihre relative 
Gewissheit nicht bestritten habe. „Wem aber, der die Schriften 
der Alten nicht selbst gelesen, sollte die Autorität des Aristoteles 
nicht Schweigen gebieten? Ich selbst habe, bevor ich eifriger an 
die Erforschung der geschichtlichen Wahrheit heranging und 
bevor ich mich entschlossen, den Durst des Wissens an der 
Quelle selbst zu löschen, über alle alten Philosophen in seinem 
Sinne geurteilt.“S9) In solcher Erweiterung des geschichtlichen 
Horizontes gewinnt das Denken für sich selbst und seine syste- 
matischen Aufgaben neue Beweglichkeit und Sicherheit. Je 
mannigfaltiger sich alle Gebiete geistiger Betätigung dem Bewusst- 
sein der neueren Zeit erschliessen, umsomehr kräftigt sich ihr 
die Grundüberzeugung von der Einheit der menschlichen Ver- 
nunft. Wenn man zum Lobe nnd zur Verteidigung des Mittel- 
alters gesagt hat, dass es zwar keine historische Bildung, wohl 
aber historische Gesinnung besessen habe,%) so müsste man, 
um die Renaissance zu charakterisieren, diesen Satz umkehren. 
Je reicher ihr die geschichtlichen Quellen fliessen, umsomehr 
entfernt sie sich damit vom Historismus, von der unbedingten 
Hingabe an die Tradition. Nur in ihren ersten Phasen erscheint
	        
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