Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Idee der Universalreligion.

159

ihr die Antike noch wie ein geistiger Urstand, den es einfach zu
wiederholen und in seinen einzelnen Zügen nachzuahmen gilt,
während sie ihr später zur Trägerin und Hüterin der allgemeinen
 geistigen Werte wird, die wir in uns selbst zu ergreifen
und wiederherzustellen haben.
Diese Universalität der Anschauung bewährt sich vor allem
gegenüber dem religiösen Problem, in dessen Gestaltung die
verschiedenen gedanklichen Motive, die uns bisher gesondert
antgegentraten, sich noch einmal zusammenfassen. Die Unabhängigkeit
 des geistigen Grundgehalts der Religion von den relativen
 und wechselnden Formen des Glaubens bildet auch hier
von Anfang an den Leitgedanken. Selbst in soichen Werken,
deren ausgesprochene Absicht die Verteidigung der kirchlichen
Wahrheit ist, tritt dieser Gedanke nunmehr an die Spitze. So
spricht er sich mit voller Entschiedenheit in Ficins Werk über
die christliche Religion aus. Die Vielgestaltigkeit der religiösen
Lehren und Kulte ist selbst eine gottgegebene und. gottgewollte
Tatsache, da eben in dieser Mannigfaltigkeit geistiger und sittlicher
Ueberzeugungen das Universum neuen Glanz und neue Schönheit
gewinnt. Das höchste Wesen nimmt jegliche Art der Verehrung
antgegen, in welchen Gebärden und „Gesten“ sie ihm auch dargebracht
 werde. Der Anspruch des schlechthin allgemeinen
„katholischen“ Dogmas ist damit aufgegeben; in jeder Form des
Glaubens wird, wenn nicht eine transscendente Wahrheit, so doch
aine Betätigung und Ausprägung des Menschentums anerkannt:
„Fex maximus coli mavult quoquo modo, vel inepte, modo
humane, quam per superbiam nullo modo coli“.?) Die Vielheit
der Götternamen darf uns die Einheit des religiösen Bewusstseins
 nicht verschleiern. Wenn bei Ficin Platon der
„attische Moses“ genannt, wenn Christus und Sokrates zusammengestellt
 werden, so werden Vergleichungen dieser Art bei den
Späteren bereits zu einer stehenden literarischen Formel. Es
ist — wie Mutianus Rufus schreibt — nur Ein Gott und Eine
Göttin; aber es sind viele Gestalten und viele Namen: Jupiter,
Sol, Apollo, Moses, Christus, Luna, Ceres, Proserpina, Tellus,
Maria; — ein Zusammenhang, den man freilich, wie er hinzufügt,
 wie die Eleusinischen Mysterien in Schweigen hüllen und
hinter Fabeln und Rätseln verstecken muss. Der wahre Christus
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.