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mehr leisten, dann stehen schon soundso viele andere bereit, die nur daraus
warten, für ihn einzuspringen. Deshalb braucht der Kapitalist heute nicht
mehr wie früher einmal der Sklavenhalter dafür zu sorgen, daß der Ar
beiter genug zu essen kriegt."
„Wieso sind denn dann die Arbeiter noch nicht alle vierhungert?" wars
hier Wilhelm ironisch ein.
„Weil dann die Kapitalisten niemand mehr hätten, der für sie arbeitete",
entgegnete ich. „Am Leben des einzelnen braucht ihnen nichts zu liegen,
wohl aber an der Existenz der Arbeiterschaft überhaupt, und so ist es denn
auch ihr fortwährendes Bestreben, die Löhne so weit herabzudrücken, daß
der Arbeiter gerade noch knapp davon leben kann. Aber dadurch, daß die
Proletarier frei sind, daß sie keine Sklaven mehr sind, haben sie auch die
Möglichkeit, für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.
Freilich hat es Zeiten gegeben, wo die Arbeiterschaft ganz hilf- und
ratlos der Willkür der Kapitalisten preisgegeben war, und dann wurde auch
ihre Lebenshaltung herabgedrückt bis zum äußersten Elend; aber dann
lernten sie sich gewerkschaftlich und politisch zu organisieren und so ein
besseres, menschenwürdigeres Leben zu erkämpfen.
Aber darin hat Wilhelm schon recht, daß der moderne Kapitalist gerade
so von der Arbeit seiner Arbeiter lebt wie der römische Sklavenhalter von
der seiner Sklaven und wie der mittelalterliche Baron von der seiner kii-
eigenen Bauern."
Daß ich mich so auf Wilhelm selbst berief, ärgerte diesen ein wenig,
denn er hatte das nicht sagen wollen; aber er mußte es nun als richtig an
erkennen.
„Ja, aber," sagte er nun in seinem Aerger, „wer zwingt denn die
Leute, für den Kapitalisten zu arbeiten, wenn sie nicht selbst ihren Vorteil
dabei finden? Ihr werdet sagen, sie müssen arbeiten, weil sie sonst ver
hungern. Aber eben deshalb ist es auch zu ihrem Vorteil, daß ihnen der
Reiche Arbeit und Lohn gibt. Täte er das nicht, dann müßten wir zugrunde
gehen. Deshalb müssen wir den Kapitalisten dankbar sein. Das sagt mein
Vater doch immer."
„Mit der Dankbarkeit," entgegnete ich, „ist das eine eigene Sache.
In der Regel kann der eine nichts dafür, daß er arm, und der andere eben
sowenig dafür, daß er reich ist. Beide sind in ihre Lage hineingeboren, und
so hat keiner dem andern etwas vorzuwerfen oder ihm dankbar zu
sein. Uebrigens ist der Kapitalist viel mehr auf die Arbeiter angewiesen als
umgekehrt; denn dieser braucht nur die. Arbeitsmittel, aber nicht den Unter
nehmer stkbst. Der Katzitalist aber kann ohne die Person des Arbeiters
überhaupt nichts anfangen; denn wenn die Arbeiter nicht mehr für die
Reichen arbeiten würden, müßten die auch bakd verhungern. Auf die Frage
der Dankbarkeit kommt es aber auch gar nicht an. Der Arbeiter kämpft um
höheren Lohn, weil er menschenwüvdig leben will; wer an seinem
Elend schuld ist, das spielt dabei keine Rolle. Aber wie dieses Elend zustande
gekommen ist, das interessiert uns. Denn daraus können wir vielleicht
schließen, wie ihm wieder abgeholfen werden kann, und dabei werden wir
auch die Quelle des Kapitalismus finden. Ohne das Elend großer Volks
massen ist ja dieser unmöglich; denn wer nicht durch die Not gedrängt Wird,
der arbeitet nicht freiwillig Tag für Tag vom Morgen bis zum späten
Abend und oft auch noch die Nacht durch an einer langweiligen, geisttötenden