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Zweiter Abschnitt.
Mitte! zur Abhülfe im Allgemeinen.
Es mag dem ersten Blick auffallen, daß der Verfasser an die Spitze
dieses praktischen Abschnittes als erstes Mittel zur Abhülfe folgende For
derung stellt:
„Das genaue Studium und die eingehende Erforschung
der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage des Kaufmanns
standes im allgemeinen, wie des Gehülsenstandes im be
sonderen, sowie die w e i t e st e Massenverbreitung dieser Er
kenntnis in kaufmännischen und nicht kaufmännischen
Kreise n. "
Und doch ist die Erfüllung dieser Forderung eine unumgängliche Vor
bedingung für die praktische Durchführung aller im nachfolgenden weiter
zu nennenden Abhülfsmittel. Auf keinem wirtschaftlichen Gebiete der Gegen
wart herrscht noch eine solche Buntheit und Verwirrtheit der Ansichten
und Reformvorschläge, wie auf dem kaufmännischen. Über die zunächst
liegenden Aufgaben der Fürsorge für die Fabrikarbeiter z. B. sind sich
nahezu alle Parteien einig, wie die letzten Beschlüsse des Reichstages
in Sachen, der Arbeiterschutzgesetzgebung, der staatlichen Versicherung
u. s. w. zeigen. Diese Klarheit rührt aber einfach daher, daß nicht
bloß die Arbeiter selbst, sondern auch einsichtige Fabrikanten und Menschen
freunde seit Jahrzehnten eingehend die industrielle Lage studierten und
debattierten; erst vor wenigen Monaten haben noch die großen deutschen
Unternehmerverbände eine eigene Deputation nach England geschickt, damit
diese die dortigen Arbeiterverhältnisse und wirtschaftlichen Einrichtungen er
forsche und eingehend darüber berichte. Das thatsächliche Material zur
Erkenntnis der Lage der Fabrikarbeiter ist deshalb in so großer Fülle vor
handen, daß man bereits die Löhne und Arbeitszeiten in verschiedenen Gegenden
und Ländern vergleichen kann, während sichere Angaben über die Ent
wicklung des Groß- und Kleinhandels, über die verschieden gearteten Be
triebsverhältnisse kaufmännischer Geschäfte, über die Saläre, die Arbeitszeit
und die Beschäftigungsdauer der Gehülfen nur vereinzelt vorliegen und des
halb nicht immer den wünschenswerten Eindruck machen. Wer diesem
Mangel zu Leibe geht, ergreift das erste Mittel zu Verbesserung der Ver
hältnisse. Hier kann an einem schon früher geäußerten Gedanken an
geknüpft werden: die sorgfältige Diagnose ist der erste und gradeste Weg
zur Heilung oder Milderung jedes Übels, wenn überhaupt noch Heilung