fullscreen: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

62 
Erstes Buch. Die Begründer. 
steht, nicht aus unseren Tugenden entsteht, sondern aus dem, was 
Mändeville unsere Laster nennt. Mit anderen Worten, aus den 
zahllosen natürlichen Bedürfnissen, die uns nach Wohlstand, Be 
quemlichkeit, Luxus und allen Vergnügungen des Lebens streben 
lassen. Eine Apologie des natürlichen und eine Kritik des tugend- 
samen Menschen. 
Smith hat Mändeville in seiner „Theorie der moralischen 
Gefühle“ kritisiert 1 ). Er wirft ihm im besonderen vor: Wünsche 
und Neigungen, die an und für sich nichts verwerfliches haben, 
Laster zu nennen. Aber trotz dieser Einschränkung hat die Idee 
Mandevjlle’s im Geiste Smith’s ihre Früchte getragen: unermüdlich 
wiederholt er, daß es das persönliche Interesse ist (das in seinen 
Augen kein Laster vorstellt, wenn es auch nur den Namen einer 
„untergeordneten Tugend“ verdient), das unbewußt und auf natür 
lichem Wege die Menschheit zum Glück und zum Wohlstände leitet. 
So ist der Reichtum einer Nation für Smith, wie für Mändeville 
die Wirkung, wenn auch nicht eines „Lasters“, so doch wenigstens 
eines natürlichen Instinktes, der an und für sich nichts tugendhaftes 
hat, und dessen die Vorsehung sich ohne unser Wissen bedient, um 
Zwecke zu erreichen, die weit über den Bereich unserer Absichten 
hinausgehen. 
Das sind die hauptsächlichsten Schriftsteller, bei denen wir schon 
einige der bedeutendsten Ideen ausgedrückt finden, die Smith späterhin 
in ein wirkliches System zu verschmelzen wußte. 
Die Lösung dieser Aufgabe jedoch würde nicht genügt haben, 
um seinem „Wealth of Nations“ ihren einzigartigen Platz zu sichern. 
Schon vor Smith hatte Qüesnay und die Pbysiokraten die volks 
wirtschaftlichen Erscheinungen in ihrer Gesamtheit betrachtet und 
sie mit einigen einfachen Grundsätzen in Zusammenhang gebracht. 
Er ist daher nicht der erste, der hierin ein wirklich wissenschaft 
liches Werk geleistet hat. Jedoch tritt gerade hierin die Über 
legenheit Smith’s ganz besonders hervor und gibt uns einen dritten 
Grund für seinen Erfolg. 
c) Smith verdankt den Pbysiokraten viel. Er stand zwar, außer 
während seines Aufenthaltes in Paris, 1765, mit ihnen nur in geringem 
Maße in persönlicher Beziehung. Trotz der kurzen Dauer dieser Be 
ziehungen ist ihr Einfluß auf ihn ein tiefgehender gewesen. Wahr 
scheinlich hat er nicht alle ihre Werke gelesen; so sind die Re 
flexions Tuegot’s, die, 1766 geschrieben, erst 1769 oder 1770 in 
den Ephemerides du citoyen erschienen, ohne Zweifel nicht zü 
*) Kap. IV, Teil 2, des 7. Abschnittes der „moral Sentiments“, betitelt: 
Von den lasterhaften Systemen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.