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bezwinglichen Lebenskraft leidet das ästhetische Schaffen
— und man kann genau dasselbe vom philosophischen
sagen — kläglich unter den ungünstigen Lebensbedingun
gen, denen es sich heutzutage fügen muss.
Für die Mehrheit und selbst für die Vorkämpfer
der bürgerlichen Gedankenwelt ist das ästhetische Ver
gnügen nur ein Spiel, eine Zerstreuung, ein Luxusgenuss.
Nach Spencers Wort ist es dadurch charakterisiert, dass
es nicht mit den Lebensfunctionen verknüpft ist, dass
es keinen in Ziffern umzuwertenden Vorteil bringt ; das
Vergnügen an Tönen, an Farben und süssen Düften, sagt
er, ist nichts als eine Uebung, ein Spiel dieses oder jenes
Organs, ein Spiel ohne sichtbaren Nutzen; es ist, mit
einem Wort, ein Luxusgenuss. Und bei einem socialen
Zustande, der die grosse Mehrheit der Menschen zwingt,
ihre ganze Kraft im Kampf um das tägliche Brot zu
verbrauchen, kann dieser Luxusgenuss natürlich nur einer
winzigen Minderzahl Vorbehalten bleiben.
Das war zu den Zeiten Ludwigs XIV. hauptsächlich
der Hof. Später waren es die „vornehmen Leute“ der
aristokratischen Salons. Heute ist es fast ausschliesslich
die Bourgeoisie oder vielmehr jener verschwindende Bruch
teil der Bourgeoisie, der noch andere Interessen hat als das,
möglichst hohe Mehrwerte aus der Arbeit der Proletarier
herauszupressen.
Wenn man von den allzu seltenen wirklichen geistigen
Genüssen absieht, die die Gesamtheit heute schon allen
bietet und von denen übrigens leider die meisten dem
Handarbeiter nach seinem Bildungsgrade noch unzugäng
lich sind, so kann man wohl ruhig sagen, dass nur die
Bourgeoisie, die Classe der Reichen oder mindestens
Wohlhabenden, Zeit und Geld hat, um Bibliotheken oder
Theater zu besuchen oder sich gar Bücher, Bilder, Statuen
oder andere Tauschwerte anzuschaffen, in denen sich die
Schönheit verkörpert. Und dieses geistige und wirtschaft
liche Monopol giebt ihr — und nur ihr — auch die