Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

arbeit war an und für sich nicht so schwer wie im In- 
lande, weil sich dort die Folgen der Inflation verhältnis- 
mäßig leicht fühlbar gemacht haben. Durch eine for- 
cierte Tätigkeit konnte es gelingen, die Prämienein- 
nahmen bald so zu erhöhen, daß vor allem die 
Fälligkeiten aus den alten Verträgen bestritten und dar- 
über hinaus noch sehr bedeutende Beträge 
zur Anschaffung neuer Decdungswerte ver- 
wendet werden konnten. Hiezu standen gerade damals 
billige Anlagewerte zur Verfügung, von denen aber bei 
genauer Kenntnis ihres Wesens angenommen werden 
konnte, daß ihr künftig für die Prämienreservedeckung 
anrechenbarer Wert die Beschaffungskosten sehr be- 
deutend übersteigen werde. Hiefür kamen in der 
Hauptsache festverzinsliche Werte der betreffenden 
Staaten — andere Werte, insbesondere sogenannte Sub- 
stanzwerte sind ja nicht regulativmäßig — in Betracht, 
deren endgültiger Wert erst nach Abschluß der ver- 
schiedenen in den Friedensverträgen vorgesehenen Ver- 
einbarungen allgemein finanzieller Natur klar erkennbar 
werden konnte. Die an diese Transaktionen geknüpften 
Erwartungen haben sich erfüllt und daraus hat sich bei 
einzelnen Anstalten mit regster Tätigkeit eine Erleich- 
terungin der Deckungsfrage bemerkbar gemacht. Daß eine 
Auswahl solcher Werte außerordentlich genaue Kennt- 
nisse der Friedensverträge, ihrer finanziellen Auswir- 
kungen auf die einzelnen Titres in den verschiedenen 
Staatsgebieten und daneben noch eine suhtile Bedacht- 
nahme auf die gegebenen Ausnützungsmöglichkeiten zur 
Voraussetzung hatte, sei hier nur. kurz angedeutet. 
Besser waren auch hier wie sonst solche Gesellschaften 
daran, welche bereits seit jeher im Neuauslande über 
einen alten gemischten Betrieb verfügten, und auch dor: 
vorübergehend größere Ueberschüsse in der Schadens- 
versicherung erzielten, die vermöge der Beschränkungen 
im Geldverkehr zwar nicht frei verfügbar und insbeson- 
dere nicht ins Ausland überführbar waren, aber doch 
zur Sanierung des dortigen Lebensversicherungsstockes 
herangezogen werden konnten. Die im Vorstehenden 
geschilderten Gesellschaften (mit großer Werbekraft im 
Neuausland bzw. gemischte Gesellschaften mit günstigem 
dortigen Schadensbetrieb) seien inder Folge kurzalsGesell- 
schaften des Typus I bezeichnet. Nun gab es daneben 
auch noch solche Anstalten, welche in dem betreffenden 
Neuauslande lediglich einen alten Versicherungsstock 
init sich häufenden Fälligkeiten und hohen Prämien- 
reserveverbindlichkeiten ohne einen entsprechenden, 
einen: starken Neuzugang sichernden Organisations- 
apparat hatten, oder Anstalten, welche auf Grund ihrer 
besonderen Struktur auf ein dauerndes Weiterarbeiten 
im Auslande überhaupt nicht rechnen konnten, selbsı 
wenn es ihnen nicht schwer gefallen wäre, der dortigen 
Schwierigkeiten Herr zu werden (Typus ID. Letztere 
Anstalten konnten natürlich nicht in gleicher Weise vor- 
gehen, wie bei Typus I angedeutet wurde. Im Laufe deı 
Zeit wurde es bei den Gesellschaften des Typus 1 klar, 
daß sie, eine ruhige, gleichmäßige Entwicklung voraus- 
gesetzt, in der Lage sein würden, aus dem dortigen 
Geschäftsbetriebe allmählich die noch fehlende Prämien- 
reservedeckung für die Altkronen-Versicherungen aufzu- 
bringen und ihren ganzen Stock auf die Landeswährung 
umzustellen, während bei den Anstalten des Typus HM 
sine solche Entwicklung aus früher angedeuteten Gründen 
ıicht möglich war oder wegen ihrer Struktur nicht in 
Zetracht kam. Die Entwicklung drängte dahin, daß die 
Anstalten des Typus I die Versicherungsstöckke der üb- 
‘igen Anstalten zu übernehmen und gleichzeitig für das 
Prämienreservedefizit für diese Stöcke unter der Vor- 
aussetzung aufzukommen hatten, daß für diese Zwecke 
aoch gewisse Altkronen-Wertbestände durch die betref- 
‚enden Regierungen der Sukzessionsstaaten nostrifizier! 
vurden, 
Im Verhältnis gegenüber Italien war die Lage schor 
m Jahre 1922 eine solche, daß im Hinblike auf die 
- damals natürlich erst erhoffte — Entwicklung ein Ueber- 
»inkommen abgeschlossen werden konnte, dessen In- 
crafttreten jedoch noch davon abhängig war, daß 
lie Voraussetzungen für eine solche Umstellung sicher- 
zestellt wären. Erst im Jahre 1926 war es so weit, daß 
liese Voraussetzungen als gegeben angesehen werden 
zonnten. Demgemäß wurde auch der Vertrag (vergleiche 
3Zundesgesetzblatt ex 1926 Nr. 247) erst in diesem Jahre 
‘atifiziert. 
Von größter Wichtigkeit war die Regelung im Ver- 
1ältnis zur Tschechoslovakischen Republik. 
Jort ist die vorangedeutete Entwicklung am entschie- 
densten in Erscheinung getreten. Bei der Höhe der in 
Zetracht kommenden Beträge jedoch war es natürlich 
aicht möglich, für alle Gesellschaften aus eigener Kraft 
lie Deckungsmittel zu beschaffen und so hat sich denn 
die Tschechoslovakische Republik in dem in Prag am 
»09. Mai 1925 zustandegekommenen Vebereinkommen 
Jestimmt gefunden, zur Wahrung der Interessen‘ der 
'schechoslovakischen Versicherten jener österreichischen 
/ersicherungsanstalten des Typus Il, die für eine Weiter- 
arbeit nicht mehr in Frage kamen, einen größeren Posten 
‚on Vorkriegspapierrenten tschechoslovakisch zu nostrifi- 
:ieren. Trotzdem war die Deckungsfrage noch nicht 
;o weit gelöst, daß in dem betreffenden zwischenstaat- 
ichen Uebereinkommen hätte festgesetzt werden können, 
laß die Altkronen-Versicherungen des tschechoslova- 
sischen Stockes durchwegs al pari auf tschechoslova- 
gische Kronen umgestellt werden; es wurde viel- 
mehr noch ausdrücklich ausgesprochen, daß die Ge- 
jellschaften nur nach Maßgabe der für den tschecho- 
;lovakischen Versicherungsstok dort zur Verfügung 
stehenden Deckungswerte in tschechoslovakischen 
Kronen zu leisten verpflichtet seien. Erst nachdem durch 
lie Weiterentwicklung des dortigen Geschäftes die Vor- 
ıussetzungen für eine solche Umstellung schon erreicht 
waren, wurde der Vertrag ratifiziert (siehe Bundesgesetz- 
blatt Nr. 76 ex 1927). ; 
Die Ratifikation dieser Verträge, insbesondere jenes 
mit der Tschechoslovakischen Republik, ist als Mark- 
stein in der Geschichte der österreichischen 
Lebensversicherung der Nachkriegszeit anzu- 
zehen. Erst jetzt war es möglich, einen Ueberblick über 
den Stand der österreichischen Lebensversicherungs- 
anstalten zu gewinnen, vorher konnte niemand sagen, 
ob und welche undenkbaren Belastungen sich für die 
österreichischen Lebensversicherungsanstalten noch er- 
zeben konnten. Das Wichtigste war, daß diese Sanie- 
ung aus dem Auslandsbetriebe selbst erfolgen konnte- 
'’ebrigens erwuchsen dadurch auch für den inländischen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.