Full text : Rationalisierung als Kulturfaktor

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was dem Menschen zur Lebensentfaltung nötig ist, andererseits aber
auch zu einer Normierung der Wirtschaftsziele und Wirtschaftsgehalte
führt, ohne die der Anspruch der Wirtschaft auf das Primat nicht
gebrochen werden kann. Um der Religion willen wird demnach
vom Protestantismus ebenso wie vom Katholizismus die
neue Wirtschaftsautomatik bejaht.

IJ. Rationalisterung und Religion

Zwiespältiger als die Stellung der beiden großen christlichen Reli⸗
gionen zur Rationalisierungsfrage ist jene des Judentums. Die
Beziehungen des jüdischen Glaubens zu Reichtum und rationalem
Gelderwerb sind durchaus asketisch. Reichtum ist eine Gabe Gottes,
für die man ihm danken soll und die man trachten soll, nach Möglichkeit
zu vermehren. Zwar ist es nicht leicht, den Versuchungen, die der
Reichtum mit sich bringt, auszuweichen, um so verdienstvoller aber ist
hinterher die Mäßigung. „Heil dem Reichen, der unsträflich gefunden
wird.“ In diesem Geiste hat das Judentum an der Entfaltung des
kapitalistischen Wirtschaftssystems entscheidenden Anteil genommen.
Die Richtung, in der dies geschah, ist von jener der übrigen welt⸗
bejahenden Religionen abendländischer Prägung jedoch grundver⸗
schieden: „Es fehlt in der jüdisch⸗oͤkonomischen Betätigung eine Sparte,
wenn auch nicht völlig, so doch relativ in auffallendem Maße, und zwar
die dem modernen Kapitalismus gerade eigentümliche, die Organi⸗
sation der gewerblichen Arbeit).“ Der Anlaß hierzu ist ein zweifacher:
Die rein äußere Schwierigkeit der Beteiligung der Juden an der
fundierten, stets mit einer laͤngeren Zeitdauer rechnenden gewerblichen
Arbeit während der Ghettozeit, und ihre in eben dieser Zeit erzwun⸗
gene besondere Befaͤhigung zum Handel. Solange sie im Ghetto
lebten, mußten die Juden stets gewaͤrtig sein, der Stadt oder des
Landes verwiesen und ihres Besitzes beraubt zu werden. Die Unsicher⸗

*) Max Weber, Religionssoziologie im Grundriß der Sozialökonomik, 3. Abt.
2. Lief, S. 351, Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen, 1921.
            
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